Andere Länder, andere Sitten!

Manchmal stechen sie uns sofort ins Auge, manchmal brauchen wir etwas länger, bis wir sie wahrnehmen. So auch in Chile. Auf den ersten Blick scheint alles recht vertraut, westlich gar, eigentlich recht geordnet und gar nicht so anders, wie wir es kennen. Bei Chile spricht man oft von einem langsamen Kulturschock, manchmal kommt er erst nach Monaten. Denn je mehr Zeit man in diesem Land verbringt, desto mehr beginnt man zu erkennen, was hier alles anders läuft. Und desto öfter tappt man auch mal in das ein oder andere Fettnäpfchen. Womit wir schon bei einer Redewendung, diesmal einer deutschen, wären. Hätte uns doch nur mal einer vorgewarnt. Voilà! Weiterlesen…

Ein Land wacht auf oder »Chile despertó«

(Titelfoto von Maria Paz Morales, Gewinnerin des  National Award Sony World Photography Awards 2019)

Es war ein Freitag im Oktober 2019. Um genau zu sein, der 18. Unsereins saß gerade auf dem Fahrrad und fuhr nach getaner Arbeit nach Hause. Nichtsahnend, dass ab heute nichts mehr so ein würde, wie vorher. Zumindest für eine Zeit lang. Noch war es früh am Nachmittag, als wir Richtung Wohnung rollten. Unser Vierbeiner erwartete uns. Zum Glück. Denn wir waren seit drei Wochen allein. Womit wir eigentlich kein Problem haben. Doch Krisenbeginne wie diesen erlebt man nicht wirklich gern allein. Als Ausländer in einer Siebenmillionenstadt, wo die Menschen in Extremsituationen eben auch extrem reagieren. Wo plötzlich U-Bahnhöfe brennen, Helikopter über den Köpfen kreisen und das Militär mit geladenen Waffen in die Straßen schwärmt. Wo man plötzlich gesagt bekommt, man dürfe nicht mehr nach draußen. Wo Supermärkte nicht mehr öffnen, weil sie Angst haben geplündert zu werden. Wo man Wasser hortet, aus Angst, es würde abgestellt werden. Wo bei Sonnenuntergang die Cazerolazos erklingen, die Stadt erfüllt vom Klang topfschlagender Menschen. Und wo man tatsächlich zum ersten Mal morgens mit diesem dumpfen Gefühl im Magen aufwacht, dass das Leben gestern noch normal war, es jetzt aber nicht mehr ist. Und man sich fragt, was das gerade mit einem macht. Chile hat uns erneut lebendig fühlen lassen. Doch diesmal war es nicht die Landschaft oder ein anderes tolles Naturerlebnis. Diesmal waren es die Menschen, die endlich aufgewacht sind. Weiterlesen…

Von grünen Pflanzenknollen und Nagetiergefühlen

Als man Schreiberling das erste Mal eine dieser grünen Pflanzenknollen vorsetzte, die zur hiesigen Küche gehören, befanden wir uns ausgerechnet im Hause der Schwiegereltern in spe. Und das wohlgemerkt zum ersten Mal. Unsere innere Aufregung versuchten wir permanent zu unterdrücken, auch wenn sie bereits auf dem Höhepunkt angekommen war, konnten wir doch aus dem Wirrwarr an chilenischem Spanisch nur Fetzen verstehen, die es schwierig machten, den von uns gewünschten Eindruck zu hinterlassen. Dennoch dachten wir, dafür liefe es ganz gut. Doch dann lag sie da. Die Artischocke. Irgendwie bedrohlich. Auf unserem Teller. Weiterlesen…

La Campana und die Vogelperspektive oder das Gefühl fast zu fliegen

Wenn wir Flügel hätten, würden wir genau jetzt abheben. Wir stehen am dafür perfekten Ort. Auch wenn von Leichtigkeit in unseren Gliedern keinerlei Spur mehr zu finden ist. Im Gegenteil. Doch was sich unter uns ausbreitet, ist so atemberaubend schön, dass wir die Schmerzen in unseren Beinen für einen Moment vergessen. Wir können zum ersten Mal über die Bergspitzen sehen. Und das Schönste dabei – wir sehen am Horizont die schneebedeckten Anden und auf der anderen Seite das Meer. Das war bisher aus unserer Sicht nur als Vogel möglich. Doch heute haben wir selbst die Vogelperspektive erlangt. Es ist fast so als würden wir fliegen.  Weiterlesen…

Ein Streifzug über eine Insel, auf der die Welt noch in Ordnung zu sein scheint – Chiloé.

Chiloé. Mystische Insel. Legenden erzählt man sich auf deinen Hügeln – von Geisterschiffen, die des Nachts die Küste anlaufen, von verstorbenen Seelen, die man in deiner Bucht weinen hört, vom Trauco dem Gnom, der die Frauen in seinen Bann zieht und verführt… Götter und Fabelwesen, die deine grüne Erde bewohnen. Betritt man dein Land, so ziehst du einen in deinen Bann, es ist, als würde man plötzlich selbst ein mystisches Wesen dort hinten am Horizont stehen sehen, im Winde wehendes Haar, bevor es langsam vor dem wolkenbehangenen Himmel verschwimmt.
Viel haben wir von dir gehört, es gibt keinen, der nicht von dir schwärmt und so zogen auch wir aus, um durch deine Wälder zu streifen, deine Hügel zu erklimmen, deine Möwen lachen zu hören, deinen Regen zu spüren, deine Erde zu riechen, deine auf Stelzen gebauten Häuser zu bewohnen, dein Meersalz auf den Lippen zu schmecken.
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Süß, süßer, am süßesten

Wenn die Chilenen eines lieben, dann ist es Zucker. Und das egal in welcher Form. Doch am allerliebsten in cremig karamellisierter streichbarer Form. Braun, zähflüssig, oftmals in Verbindung mit einem genüsslich dahin schmelzenden Blick, genannt Manjar (sprich: Manchar). Die braune Paste, nichts anderes als karamellisierte Kondensmilch, versüßt einem jegliche bereits schon sehr süße Süßspeise. Während sich Schreiberling regelmäßig die Geschmacksnerven zusammenziehen, schmieren sich die Chilenen noch eine extra Portion oben drauf. Manjar ist einfach überall drin, es verfolgt einen regelrecht, ein Entkommen ist schlichtweg nur durch Verzicht auf chilenische Süßspeisen möglich. Und von denen gibt es zu Hauf.   Weiterlesen…

Ehrfurcht

Sich in dir spiegelnd versinkt der rote Feuerball langsam in deinen Tiefen am Horizont.
All deine Kraft zeigen wollend, bäumst du dich auf,
als wolltest du seine letzten Strahlen einfangen.
Du greifst nach ihnen,
lässt sie auf dir tanzen,
verschlingst sie gar,
bevor du sie wieder fallen lässt.
Tosend, schäumend, zerfließen sie im Sand.
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Ja, wo sind wir denn hier eigentlich?

Da ist dieser wirklich schmale Streifen Land, der sich an die Anden schmiegt, als würde er sich vor dem Pazifik schützen wollen. Den man auf der Weltkarte fast übersehen könnte. Von dem viele nur wissen, dass er in Südamerika liegt, neben der großen Landfläche, die sich Argentinien nennt. Und wenn sie ihn das erste Mal besuchen wollen, entstehen die wildesten Reiseideen, die sie dann den Menschen entgegenbringen, die im Tourismus arbeiten und deren Reise planen sollen. Es kommen Wünsche auf wie: wir wollen mit dem Schiff von Santiago auf die Osterinsel fahren. Oder man würde gerne innerhalb von einer Woche in die Atacama Wüste, den Torres del Paine Nationalpark und auf die Insel Chiloé reisen. Fragen werden gestellt wie: Warum regnet es eigentlich so viel im Süden, wenn in Santiago doch so oft die Sonne scheint? Oder man wird gefragt, wieso einem kalt ist, man sei doch in Südamerika.
Es ist also schön, über das Asado zu schreiben, die Farben in der Atacama Wüste zu beleuchten oder die Seenregion glänzen zu lassen, aber was nützt dies alles, wenn ein paar grundlegende Dinge ungeklärt sind? Es ist also an der Zeit, ein paar Mythen aufzudecken und vor allem eine grundsätzliche Frage zu klären – ja, wo sind wir denn hier eigentlich? Weiterlesen…

Lichtspiel

Ein Sonnenuntergang in der Atacama Wüste ist wie ein einziges Leuchten. Wenn die Sonne ihre tiefen Strahlen ein letztes Mal über das Meer aus Sand und Gestein gleißen lässt, verabschiedet sich die Wüste in ihren schönsten Farben. Ein Vogel möchte man sein, der höher fliegen kann, als dieser Hügel, auf dem wir stehen, damit wir selbst noch hinter den Licancabur blicken können, in diese endlos leuchtende Weite. Weiterlesen…