Warum die soziale Krise in Chile uns alle interessieren sollte

Heute ist ein wichtiger Tag in diesem Land. Der Wichtigste der letzten dreißig Jahre. Warum? Heute stimmt Chile darüber ab, ob es eine neue Verfassung bekommt oder nicht. Es ist der Tag, an dem sich zeigen wird, wie mächtig ein Volk tatsächlich sein kann. Was man als Einheit erreichen kann, wenn man dafür kämpft. Dass man wählen kann, wie die Zukunft des eigenen Landes und somit des eigenen Lebens aussehen kann. Und vor allem, dass man die Macht hat, gegen diejenigen anzukommen, die einen jahrelang unten gehalten haben. Die, die eigentlich das Volk repräsentieren und dessen Interessen vertreten sollten, dabei aber lediglich die Eigenen verfolgt haben. Wer kennt sie nicht, die Geschichte des stolzen, machtgierigen Königs, der sich die Menschen Untertan machte und sich an ihrem Leid bereicherte? Wir schreiben zwar das Jahr 2020 und einen König gibt es schon lange nicht mehr, aber die Gier nach Macht und Reichtum ist geblieben.

Man kann sich natürlich nun fragen, was geht mich das an? Was habe ich mit diesem weit entfernten Streifen Land zu tun? Ziemlich viel. Denn die Gier nach Macht und Reichtum lässt sich gerade in den heutigen Zeiten besser denn je beobachten. Und das überall auf der Welt. Fast egal auf welchen Kontinent wir schauen, wir haben Revolutionen, Proteste und Krisen und uns alle eint die wahrscheinlich größte Krise von allen – der Klimawandel. Sieht man sich  die Gründe der Proteste und Krisen an, so entspringen sie eigentlich alle der gleichen Quelle – der Gier nach Macht und Reichtum einzelner Eliten. Und auch wenn es uns in Deutschland so unglaublich gut geht (auch wenn manche das anders sehen!), würde es uns tatsächlich gut tun, uns ab und an mal mit den Krisen anderer Länder auseinanderzusetzen, um einmal mehr zu reflektieren, was für einen exquisiten Lebensstandard wir eigentlich haben.

Doch nicht nur deshalb sollte uns die Krise in Chile interessieren. Sondern auch, weil sie uns zeigt, zu was Menschen in der Lage sind, wenn sie sich vereinen und für etwas kämpfen. Wie sich Machtverhältnisse plötzlich umkehren und sich Führungspersonen nicht mehr aus dem Haus trauen, ohne eine ganze Herde Sicherheitsleute.

Am Ende haben wir viel mehr Macht, als wir denken. Wir könnten so viel mehr erreichen, soziale Krisen und Klimakrisen umwenden, wenn wir nur vereinter für Veränderungen kämpfen würden.

Als die Menschen hier vor einem Jahr begannen auf die Straße zu gehen, unter anderem die größte Demonstration in der chilenischen Geschichte mit 1,1 Millionen Menschen allein in Santiago führten, schrieben sie bereits Geschichte. Wer darüber nicht mehr viel weiß, weil Corona letztlich alles übermalt hat, kann gerne hier ein wenig die Zeit zurückdrehen und sich noch einmal in den Oktober letzten Jahres begeben und über die Gründe für die soziale Revolte nachlesen. Die Gesichter der Politiker während dieser Zeit waren mehr als erschrocken, Präsident Piñera alterte in einer Geschwindigkeit, die jegliche Antifaltencréme an ihre Verzweiflung brachte. Sein Kabinett wirkte wie eine Horde erschrockener Gemsen, die abwechselnd vor die Kameras traten und versuchten, Verständnis zu zeigen, um das Volk irgendwie zu beruhigen, das sie allerdings in solche Worte fassten, die es unmöglich machten, ihnen zu glauben. Die Menschen blieben und waren bereit zu kämpfen, egal wie schwer der Weg sein würde. Und er würde schwer werden!

Selbst die vielen Militärs und Polizisten haben es nicht geschafft, die Protestwelle zu stoppen. Letztere sind inzwischen zum Feindbild vieler Menschen in diesem Land geworden und Schreiberling muss zugeben, dass auch sie die Straßenseite wechselt, wenn sie einem grün uniformierten Menschen begegnet. Das liegt nicht daran, dass sie versuchen Ordnung in ein Chaos zu bringen, sondern die Art, wie sie es tun. Sie sind zur Polizei der Reichen geworden.

Es begann damit, dass Piñera am 25. Oktober 2019 vor die Kameras trat und seinem eigenen Volk den Krieg erklärte. »Estamos en guerra«, »Wir befinden uns im Krieg. Im Krieg gegen einen mächtigen Feind.« Damit bezog er sich auf die Gewalt, die sich in diesen Tagen über der Stadt und in weiten Teilen des Landes ausgebreitet hatte. Aber es war nichts anderes, als eine Kriegserklärung gegen sein eigenes Volk, das nicht mehr so funktionierte, wie er es gewohnt war. Diesen Krieg führen seitdem die Polizisten im Namen der Regierung gegen das eigene chilenische Volk. Und man kann tatsächlich von Krieg sprechen, denn im Dezember letzten Jahres berichteten die Medien davon, dass bereits 3.449 Menschen Augenverletzungen erlitten hatten, davon 1.983, die durch Schüsse an ihren Augen verletzt wurden, 21, die ihr Augenlicht komplett oder zur Hälfte verloren haben, Zahl steigend. Wie das passieren konnte? Die Polizisten nutzten Geschosse mit Blei- und Gummikugeln, um gegen die Demonstranten vorzugehen. Das Schockierende daran ist, dass man auf so vielen Aufnahmen sehen konnte, wie sie dabei gezielt auf die Gesichter der Demonstranten schossen.
Und auch weitere Zahlen kamen im Dezember ans Licht. 1.383 Personen erstellten Anzeige wegen Menschenrechtsverletzungen. Gründe: sexueller Missbrauch, Folter und exzessiver Machtmissbrauch von Obrigkeiten.

Die ONU kam schließlich Ende November nach Chile, um die Menschenrechtsverletzungen vor Ort zu untersuchen. Das Ergebnis – vier Berichte, die vieles von dem bestätigten, was in den sozialen Medien bereits veröffentlicht worden war. Konnten sie etwas damit erreichen? Erschreckend wenig. Die Regierung reagierte mit den Worten darauf, dass sie darum bitte, die Quellen ausgiebiger zu untersuchen, denn vieles, von dem was in den Berichten stünde, sei falsch. Allem anderen würde man selbstverständlich intern nachgehen. Konsequenzen bis heute? So gut wie keine.

Doch die Chilenen und Chileninnen ließen sich nicht davon abhalten, weiterzumachen. Es war, als ob die Reaktionen der Regierung nur noch mehr dazu animierten, dagegen vorgehen zu wollen. Egal wie schwer der Weg war und ist, sie geben nicht auf. Und genau diesem Kämpfergeist ist es zu verdanken, dass heute erneut Geschichte geschrieben wird.  

Der Schlüssel der ganzen Probleme steckt in der Verfassung des Landes, die noch aus Zeiten Pinochets stammt. Die Gesetze dieser lassen es nicht zu, dass essentielle Dinge verändert werden können, denn stets werden sie mit dem Wort »anticonstitucional« (verfassungswidrig) abgetan.

Doch was ist essentiell? Zuerst einmal etwas eigentlich ganz Selbstverständliches, nämlich dass allen Menschen dieselben Rechte eingeräumt werden. Man denke da vor allem auch an die Mapuche, das Urvolk dieses Landes, das seit der Einwanderung der Spanier für seine Rechte kämpfen muss, stets benachteiligt wird und täglichen Rassismus ertragen muss. Dann, dass zum Beispiel das Wasser in diesem Land kein Privatgut mehr ist und der selbstverständliche Zugang dazu nicht mehr nur wenigen ermöglicht ist. Dass die Menschen Zugang zu einem guten öffentlichen Gesundheitssystem haben und sich nicht wegen einer Krankheit hochverschulden oder gar sterben müssen, weil sie sich die Behandlung nicht leisten können. Dass die Bildung nicht abhängig von den Krediten ist, die man bei der Bank aufnehmen und anschließend jahrelang abzahlen muss. Oder, dass die Rentner eine menschenwürdige Rente bekommen, so dass sie nicht mehr im hohen Alter Dinge auf der Straße verkaufen müssen, um irgendwie über die Runden zu kommen. In diesem Land ist so gut wie alles privatisiert und inzwischen oftmals gar nicht mehr im Besitz chilenischer, sondern im Besitz ausländischer Unternehmen. Chile hat sich über die Jahre verkauft, was Menschen wie Piñera, der schon lange vor seiner Präsidentschaft an den Geschäften beteiligt war, zum Millionär machte. An diesem Reichtum haben jedoch nur wenige Teil und das muss endlich geändert werden.

Die einzige Möglichkeit, wahre Veränderungen vollziehen zu können und allen Menschen in diesem Land die gleichen Rechte einzuräumen, ist also die Verfassung zu verändern. Und genau das fordern die Demonstranten seit Oktober letzten Jahres. Die Forderung wurde so vehement platziert, dass die Regierung tatsächlich keinen anderen Ausweg mehr sah, als ihr in Schritten nachzugeben. In Schritten, denn eine Veränderung der Verfassung kommt der Elite des Landes wahrlich nicht zugute. Denn ein jeder weiß, dass niemand seinen hohen Lebensstandard halten kann, ohne dass andere dafür zahlen müssen. Und das gilt überall auf der Welt. Somit wurde der Bevölkerung eine Abstimmung ursprünglich im April eingeräumt – hier hätte sie für oder gegen eine neue Verfassung stimmen können.

Doch dann kam Corona. Und es war paradoxerweise wahrscheinlich das Praktischste, was dieser Regierung passieren konnte. Denn das Virus zwang auch hier die Menschen in die Knie, die Proteste mussten von einem Tag auf den anderen von den Straßen verschwinden. In vielen Gebieten der Hauptstadt durchlebten wir eine fünfmonatige Quarantäne und haben bis heute eine nächtliche Ausgangssperre. Wäre Corona nicht durch dieses Land gezogen, hätten die Menschen also bereits gewählt. Und würden heute erneut an die Urnen treten, um die Vertreter zu wählen, die die neue Verfassung zusammenstellen werden. Corona schenkte der Regierung also Zeit. Zeit, um zu hoffen, dass die Sache sich schon beruhigen würde. Doch Corona zeigte auch einmal mehr, welche Ungerechtigkeiten es in diesem Land gibt. Zuerst eine soziale Krise, dann die Coronakrise, das war und ist zu viel für die meisten der Menschen, die bereits kämpfen müssen, ihren Alltag irgendwie zu meistern. Viele litten Hunger, mussten von Organisationen mit Lebensmittelkisten unterstützt werden, denn sie verloren von einem Tag auf den anderen ihre Arbeit und standen vor dem Nichts. Eine Arbeitslosenunterstützung existiert in diesem Land nicht. Wer sich mit dem Virus infizierte, konnte nur hoffen, nicht ins Krankenhaus zu müssen, denn die Kosten für die Behandlung werden von keiner Versicherung zu hundert Prozent übernommen. Doch was auch Corona nicht schaffte, war, die Lage zu beruhigen und die Volksabstimmung erneut zu vertagen. Denn auch wenn das Virus immer noch präsent ist, ist die Lage inzwischen stabil genug, um eine Wahl abhalten zu können.

Es wird also heute erneut Geschichte geschrieben, egal welches Ergebnis letztlich gewinnt. Denn die Menschen treten heute endlich an die Urnen und entscheiden über die Zukunft ihres Landes.

Wähler in Rancagua

Das bedeutet natürlich noch nicht, dass ab morgen alles anders sein wird. Chile wird, sollte das »apruebo« (ich stimme zu) – gewinnen, ein langer Prozess erwarten. Doch große Veränderungen brauchen nun mal ihre Zeit. Und egal welches Ergebnis gewinnt, ist dieser heutige Akt allein dem chilenischen Kämpfergeist zu verdanken, der vor einem Jahr erneut erwacht ist. Chile ist ein Beispiel dafür, was wir als Menschen erreichen können, wenn wir zusammenhalten. Wenn wir uns nicht mehr nur einfach von Menschen führen lassen, die Entscheidungen treffen, die der Mehrheit nicht zu Gute kommen, sondern auf die Interessen einzelner Weniger ausgelegt sind. Chile zeigt uns heute, dass wir alle etwas mehr chilenischen Kämpfergeist in uns tragen sollten. Denn wir bleiben viel zu oft zurückgelehnt in unseren bequemen Sesseln sitzen und wollen von Unangenehmem lieber nichts wissen. Denn Unangenehmes erfordert Veränderungen. Und die verbrauchen viel Kraft und Energie. Und wer ist schon bereit diese aufzubringen, wenn es ihm selbst nicht den größten Vorteil verschafft? Wenn wir ehrlich sind, herzlich wenige. Nicht umsonst werden wir gerade mit einer der krisengebeutelsten Zeiten seit langem konfrontiert.

Man kann sich also nur wünschen, dass mehr Menschen für das einstehen, was wirklich wichtig ist und wahre Veränderungen hervorbringen kann. Hier fangen die Menschen heute damit an. Es bleibt zu hoffen, dass mehr und mehr folgen werden, egal, um welche Krise oder welches Problem es sich handelt. Chile ist aufgewacht. Und du?

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