Andere Länder, andere Sitten!

Manchmal stechen sie uns sofort ins Auge, manchmal brauchen wir etwas länger, bis wir sie wahrnehmen. So auch in Chile. Auf den ersten Blick scheint alles recht vertraut, westlich gar, eigentlich recht geordnet und gar nicht so anders, wie wir es kennen. Bei Chile spricht man oft von einem langsamen Kulturschock, manchmal kommt er erst nach Monaten. Denn je mehr Zeit man in diesem Land verbringt, desto mehr beginnt man zu erkennen, was hier alles anders läuft. Und desto öfter tappt man auch mal in das ein oder andere Fettnäpfchen. Womit wir schon bei einer Redewendung, diesmal einer deutschen, wären. Hätte uns doch nur mal einer vorgewarnt. Voilà!

Es sei vorweggenommen, dass die Chilenen einem als Ausländer wirklich so gut wie nie etwas wirklich übel nehmen. Sie wissen schließlich, dass man nicht von hier ist. Oft wird man eher belächelt und schlicht ‚Gringo‘ genannt, mit dem eigentlich vor allem die Amerikaner aus den USA bezeichnet werden, im Groben aber auch alles andere, was nicht von diesem Kontinent ist. Dennoch gibt es Dinge, die man sich manchmal gerne ersparen wollen würde…

Erster Fettnapf (© Lena Labryga / Weonlandia)

Das könnte äußerst unangenehm werden. Und zwar für den Gast. Die chilenischen Mütter sehen es irgendwie als ihre Aufgabe, alle mit ihren leckeren Speisen zu versorgen. Und das zu Hauf. Manch eine kocht für ihr Leben gern (dazu gehören scheinbar die meisten) und haben gleich ganze drei Gänge gekocht. Wir sprechen hierbei aber nicht von einem leichten Salat, einem zarten Scheibchen Fleisch mit Röstkartöffelchen und einem luftigen Mousse als Nachtisch. Das würde der chilenische Mann wahrscheinlich als Affront empfinden. Nein, hier gibt es noch die ehrliche Küche und die ist üppig. Da kann es schon mal Empanadas (gefüllte Teigtaschen, gerne mit Käse oder Fleisch) als Vorspeise geben, anschließend eine ordentliche Cazuela (typische chilenische Suppe, mit viel Inhalt) und anschließend ein klassisches Mote con Huesillo. (Weizenkörner mit eingelegten Pfirsichen und süßem Saft). Unsereins wäre schon mit der Vorspeise zufrieden, der Chilene hat gerade erst angefangen. Wenn man dann nach einem Teller Cazuela eine zweite Portion ablehnt, kann man sich eines entrüsteten Blickes sicher sein. Es hat ihr nicht geschmeckt! Das ist, was Köchin hier versteht. Nicht, dass man schon satt sein könnte, denn wie kann man bitte nach einer kleinen Empanada und einem Teller Suppe schon satt sein?! In Chile wird gern gegessen und das viel! Wenn du, lieber Leser, also gut mit den chilenischen Gastmüttern stehen möchtest, dann frühstücke am besten an diesem Morgen nicht. Und vielleicht lass auch das Abendessen am Vortag weg. Dann machst du der Köchin die größte Freude und erntest ihr schönstes Strahlen.

Dritter Fettnapf (© Lena Labryga / Weonlandia)Denn eins sei mal ganz klar – Argentinier und Chilenen haben absolut nichts gemeinsam, außer vielleicht, dass sie Südamerikaner sind. Das ist natürlich überzogen, aber man könnte meinen, dass viele Chilenen das gerne so hätten. Warum das so ist? Da sagt uns irgendwie jeder was anderes. Die einen sagen, es ist wegen des Fußballs. Die anderen greifen auf die Geschichte zurück. Schließlich hatten die Argentinier mal versucht, ganze Landstriche ihr eigen zu machen. Die beiden Länder trennt ja lediglich die natürliche Grenze der riesigen Anden. Andere wiederum sagen, dass die Argentinier mit ihrem großen Ego denken, sie seien die Superhelden, die Größten der Welt. Darüber machen sich die Chilenen zumindest gerne lustig. Aber wie Schreiberling schon feststellen konnte, auch die Argentinier selbst.
Andere sagen, die Argentinier würden Chile gerne mal übersehen. Schließlich ist der Streifen Land extrem schmal im Gegensatz zu ihrem riesigen Land. Vielleicht also ein kleiner Minderwertigkeitskomplex, der allerdings gar nicht nötig ist?!
Welchen Grund auch immer es gibt, man sollte nicht vor einem Chilenen die Bemerkung machen, dass dieses oder jenes in Argentinien besser oder gar schöner ist. Denn damit kratzt man extrem am Ego und kann schnell eine empörte Rechtfertigung ernten. Merke – in Argentinien gibt es nichts, was es in Chile nicht gibt und vor allem, was hier nicht besser wäre. Also, ruhig Honig um den (imaginären) Bart schmieren. Man kann ja seine Gedanken durchaus mal für sich behalten, wenn‘s der Allgemeinheit dient.

Zweiter Fettnapf(© Lena Labryga / Weonlandia)Über den Pisco wirst du lieber Leser, schon bald ausführlich lesen können, der Artikel ist noch in der Feinschmiede, aber so gut wie fertig. So viel sei vorweg gesagt – für die Chilenen ist der Pisco natürlich chilenisch. Was sie paradoxerweise nicht davon abhält zu sagen, dass der Peruanische doch besser schmeckt, zumindest im Pisco Sour. Wenn wir nun also fragen »Wer hat ihn denn erfunden?« antworten gleich zwei Nationen mit geschwelter Brust »Wir waren das!«. Und entfachen damit einen wohl niemals endenden Disput, denn es kann ja nun mal nur einer gewesen sein. Chile und Peru werden sich wohl auch auf diesem Feld nicht wirklich gern haben. Es wurden schon ganze Artikel und Doktorarbeiten darüber geschrieben, Recherchen durchgeführt und dennoch beharrt jede Nation auf ihrem Erfinderrecht. Inzwischen gibt es sogar eine Weltkarte, auf der klar ausgewiesen wird, welche Nation Chile als Ursprungsland, welche Peru und welche beide Länder anerkennt. Es sei also dazu geraten, entweder nett zu fragen, woher denn nun der Schnaps eigentlich kommt (wobei die Antwort in Chile immer dieselbe sein wird!) oder einfach nur zu sagen, wie lecker der Pisco Sour schmeckt, ganz egal, welcher Pisco nun drin ist.

Fettnapf (© Lena Labryga / Weonlandia)Für all diejenigen, denen dieser Name eventuell nicht viel sagt: Pinochet war von 1973 – 1990 Präsident von Chile und Diktator. Unter seiner Herrschaft sind mehrere zehntausend Menschen beseitigt worden. Das Thema anzusprechen ist ähnlich, wie bei uns frei über Hitler zu sprechen, auch wenn sich das Thema bei uns langsam entspannt, was daran liegen mag, dass es nun doch schon eine Weile zurückliegt. Nicht unbedingt hier. Es kann durchaus sein, dass man mit einer simplen Nachfrage plötzlich auf jemanden trifft, der Pinochets Regierung als durchaus positiv empfunden hat und dies auch gerne preisgibt. So erschreckend das klingen mag. Und man hat ja meistens keine Lust mit Leuten zu diskutieren, die die Politik von Diktatoren gut heißen. Von Menschenrechtsverletzungen möchten allerdings die meisten nichts wissen. Daher würde Schreiberling lieber davon abraten, das Thema anzuschneiden, um nicht in eine unangenehme Diskussion zu geraten. Unsereins wartet meistens lieber, ob das Thema angesprochen wird. Viele junge Leute reden inzwischen offen darüber, vor allem diejenigen, die gegen das sind, was passiert ist, so dass man spätestens hier nachfragen kann.

Fettnapf (© Lena Labryga / Weonlandia)Oder überhaupt in der Rush Hour Metro fahren wollen. Grund hierfür ist die vollkommene Überfüllung der U-Bahn und wenn wir vollkommen sagen, meinen wir das auch. Es sind zwar noch keine japanischen Zustände, aber es fehlt auf bestimmten Linien nicht mehr viel dazu. Wer also was Platz angeht empfindlich ist, sollte dies dringend vermeiden. Sollte es dennoch, aus irgendeinem Grund nicht zu vermeiden sein, dann sei dazu geraten, das tiefste Ego auszupacken und ohne jegliche Rücksicht auf Verluste in den Kampf zu ziehen. Hier gilt die Regel, Dreistigkeit siegt! Männer packt den Gentleman ein, Frauen packt die Muckis aus. Das dreiste Verhalten der Santiaguinos wird euch überraschen, aber man lernt schnell, dass man hier sonst nicht weiter kommt. Schreiberling neigte anfangs dazu, anderen den Vortritt zu lassen, was darin endete, sich nach drei Zügen immer noch auf dem Bahnsteig zu befinden. Denn auch wenn du denkst, da geht nichts mehr, kannst du sicher sein, du irrst. Da geht noch was! Quetschen heißt die Devise, Tuchfühlung inklusive. Sei also einmal im Leben noch egoistischer als sonst und nutze die Gelegenheit. Sonst kommst du nie ans Ziel!

Fettnapf 6 (© Lena Labryga / Weonlandia) Wenn man nach Chile kommt und schon fließend Spanisch spricht, wird es dennoch eine Weile dauern, bis man das Spanisch dieses Landes verstanden hat. Denn das hier ist wahrlich eine Kunst. (Mehr dazu kannst du auch gerne in diesem Beitrag lesen. ) Was macht es so schwer? Ja, zum einen die Aussprache, zum anderen aber die unzähligen Redewendungen, die für einen überhaupt keinen Sinn machen, für die Chilenen aber schon. Wenn der Chilene also zum Beispiel sagt, er wohnt dort, wo der Teufel den Poncho verloren hat, die Nachbarin ein Frosch sei und sich die Stute wohl auf dich geschmissen hat, hat man manchmal das Gefühl, auf einem Bauernhof gelandet zu sein. Hat man aber ein paar Redewendungen mit der Zeit gelernt und versteht nun endlich, was dahinter steckt, kann man verdammt stolz sein. Nichtsdestotrotz empfiehlt Schreiberling sie wirklich nur dann zu benutzen, wenn man absolut sicher ist, sie verstanden zu haben und auch, dass sie wirklich in den Kontext passt. Es wurden schon Sachen von Ausländern gesagt, die ältere Damen zum nahen Herzinfarkt gebracht oder ein riesiges Gelächter ausgelöst haben. Vielleicht überlassen wir also die Redewendungen lieber den Experten.

Fettnapf 7 (© Lena Labryga / Weonlandia)Ja, wir Deutschen sind wirklich direkt. Vor allem, wenn man zu viel Zeit in unserer Hauptstadt verbracht hat. Nach acht Jahren Berlin war Schreiberling es gewohnt, frei zu sagen, was sie dachte, ob ihr etwas gefiel oder nicht. Schnell bekam sie in Chile den Spitznamen ‚sin filtro‘ (ohne Filter). Dabei hielt sie sich für ihre Verhältnisse des Öfteren zurück. Doch wenn die Chilenen mit etwas nicht wirklich gut umgehen können, dann ist es Direktheit. Sie nehmen es einem zwar nicht übel, doch kann man schnell für Irritation und Verdutztheit beim Gegenüber sorgen. Der Chilene sagt die Dinge lieber durch die Blume oder am besten gar nicht und man erfährt sie dann auf die Weise, dass der Freund vom Freund denkt, dass…
Man sollte sich also lieber zurückhalten, solange einen die anderen noch nicht gut kennen.

Fettnapf 8 (© Lena Labryga / Weonlandia)Es ist ein Phänomen, das wir anfangs nicht begreifen konnten. (und auch heute noch nicht, wir haben lediglich resigniert) Wir stehen in einem Laden und möchten gerne etwas kaufen. Sagen wir ein Kilo Äpfel. Die Verkäuferin an der Kasse kann sich nur schwer von ihrem Handy losreißen und schaut gelangweilt auf unseren zehntausend Peso Schein (umgerechnet sind das circa 14 Euro).

»Haben Sie es nicht kleiner?«
»Nein, tut mir leid.«
»Tja, ich hab kein Wechselgeld.«
»Gar nichts?«
»Nee. «
»Und jetzt?«
»Weiß nicht. Wenn Sie es nicht kleiner haben… «

Und das war’s. Kein, ich geh mal schnell in den Laden nebenan zum Wechseln oder Oh je, Entschuldigung. Unser Gesicht spricht Bände, das der Verkäuferin dagegen entspannt.
Der Wille zum Verkaufen und Umsatz machen ist hier an manchen Stellen nicht sonderlich ausgeprägt. Daher empfiehlt es sich, stets ausreichend kleine Scheine und Münzen bei sich zu haben. Sonst geht man schnell mal mit leeren Händen nach Hause.

Fettnapf 9 (© Lena Labryga / Weonlandia)Abgesehen von der Metro, wo dies nun mal aus rein platztechnischen Gründen nicht möglich ist, halten die lieben Chilenen auch dann nicht unbedingt den von einem gewünschten Abstand, wenn der Platz da wäre. Während unsereins gerne stets einen Radius von mindestens einem halben Meter um sich frei weiß und diesen versucht zu halten, ist das hier nicht annähernd der Fall. Wenn wir zum Beispiel in einer Wartschlange an der Kasse stehen, dann kann es schon mal vorkommen, dass wir schnell die Packung Chips im Rücken haben, oder den Einkaufswagen am Hintern kleben. Dreht man sich anfangs noch gern entrüstet deutsch um, blickt man in ein lächelndes Gesicht, das sich ehrlich keiner Schuld bewusst ist. Dasselbe gilt zum Beispiel auch an Ampeln. Sei nicht überrascht, wenn du plötzlich direkt jemanden neben dir stehen hast, so als würde er oder sie zu dir gehören, obwohl um euch sonst keine Menschenseele ist. Das ist normal. Warum auch immer! Das hat weder was mit Belästigung noch mit überfüllten Straßen oder Supermärkten zu tun. Der Chilene an sich scheint hier kulturell völlig anders zu ticken, als wir. Schreiberling hat das Gefühl, hier wird ganz unbewusst Nähe gesucht. Vielleicht, weil es in diesem Land insgesamt so wenig Menschen gibt. Da will man sich gern nah sein…

7In Deutschland gilt es mehr als unhöflich, unterbrochen zu werden. Es zeugt von fehlendem Respekt, Desinteresse und ist ganz einfach zu unterlassen. Doch zu Wort zu kommen, wenn Chilenen mal in Fahrt sind, wird schwierig. Und genauso schwer ist es, das Wort zu halten. Denn wenn die Chilenen etwas meisterlich betreiben, so ist es, dir ins Wort zu fahren und das Ruder an sich zu reißen. Das sollte man auf keinen Fall persönlich nehmen, denn das machen sie wirklich mit jedem. Es ist nur wahnsinnig anstrengend! Denn es kann sein, dass du gerade mitten in einer Erzählung bist und plötzlich fährt dir dein Gegenüber ins Wort und redet weiter. Oder stell dir vor, du bist auf einer Party und unterhältst dich gerade nett mit jemanden. Dann kommt plötzlich jemand dazu und quatscht dein Gegenüber voll, obwohl er sieht, dass du sprichst. Und mit einem Mal sind die beiden im wildesten Gespräch oder noch schlimmer, gehen sprechend weg. Wie oft Schreiberling schon selbst ihre Worte in der Luft zerfetzt wusste, den leicht verlegenen Blick im Gesichte der Chilenen gesehen hat, denen es genauso ging, wir haben aufgehört zu zählen. Wir können nur annehmen, dass die Chilenen offensichtlich Sorge haben, etwas zu verpassen und deshalb überall mitreden wollen.

Noch schöner als das Unterbrechen ist allerdings das Sätze beenden! Es bringt Schreiberling regelmäßig auf die Palme. Man erzählt und das Gegenüber meint, das Ende deiner Geschichte schon vor dir zu kennen, fährt dir ins Wort und beendet deinen Satz, meistens völlig anders, als du es wolltest. Zum Richtigstellen kommt man dann meistens nicht mehr, da der andere ja nun das Wort hat und somit auch gerne davon Gebrauch macht. Da heißt es einfach nur tief durchatmen.

 

So, es gibt mit Sicherheit noch vieles mehr, was hier anders läuft. Schreiberling muss zugeben, dass man mit den Jahren angepasster wird und einem die Dinge nicht mehr so auffallen. Falls du also vielleicht noch andere Erfahrungen gemacht hat, schreib es gern in die Kommentare. Und falls nicht und du Chile noch nie besucht hast, dann schenk dir die Zeit und erkunde seine Sitten selbst. Jetzt bist du ja zumindest ein bißchen vorbereitet…

 

 

 

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