Ein Land wacht auf oder »Chile despertó«

(Titelfoto von Maria Paz Morales, Gewinnerin des  National Award Sony World Photography Awards 2019)

Es war ein Freitag im Oktober 2019. Um genau zu sein, der 18. Unsereins saß gerade auf dem Fahrrad und fuhr nach getaner Arbeit nach Hause. Nichtsahnend, dass ab heute nichts mehr so ein würde, wie vorher. Zumindest für eine Zeit lang. Noch war es früh am Nachmittag, als wir Richtung Wohnung rollten. Unser Vierbeiner erwartete uns. Zum Glück. Denn wir waren seit drei Wochen allein. Womit wir eigentlich kein Problem haben. Doch Krisenbeginne wie diesen erlebt man nicht wirklich gern allein. Als Ausländer in einer Siebenmillionenstadt, wo die Menschen in Extremsituationen eben auch extrem reagieren. Wo plötzlich U-Bahnhöfe brennen, Helikopter über den Köpfen kreisen und das Militär mit geladenen Waffen in die Straßen schwärmt. Wo man plötzlich gesagt bekommt, man dürfe nicht mehr nach draußen. Wo Supermärkte nicht mehr öffnen, weil sie Angst haben geplündert zu werden. Wo man Wasser hortet, aus Angst, es würde abgestellt werden. Wo bei Sonnenuntergang die Cazerolazos erklingen, die Stadt erfüllt vom Klang topfschlagender Menschen. Und wo man tatsächlich zum ersten Mal morgens mit diesem dumpfen Gefühl im Magen aufwacht, dass das Leben gestern noch normal war, es jetzt aber nicht mehr ist. Und man sich fragt, was das gerade mit einem macht. Chile hat uns erneut lebendig fühlen lassen. Doch diesmal war es nicht die Landschaft oder ein anderes tolles Naturerlebnis. Diesmal waren es die Menschen, die endlich aufgewacht sind.

Seit Wochen schwelte etwas, eigentlich schon viel länger, aber zum ersten Mal konnte man die Unruhe spüren. Nahm man in den Tagen vor dem 18. die U-Bahn, sah man an ihren Eingängen Polizisten stehen, die Eingänge nur zur Hälfte geöffnet. Grund dafür – die U-Bahnpreise sollten erhöht werden und es hatten sich bereits lautstark Studenten dagegen gewehrt, indem sie das Zahlen boykottierten und über die Drehspulen sprangen. Einen einzelnen davon abzuhalten ist einfach, doch wenn sich eine ganze Gruppe Studenten zusammentut, wird es schon schwieriger.
Man versuchte daher für Ordnung zu sorgen, indem man die Eingänge nur noch halb öffnete, um die Menschen besser leiten zu können und Polizisten zur Einschüchterung platzierte. Man hatte tatsächlich geglaubt, das würde etwas bringen…

Dann kam der Freitag. Man muss dazu sagen, dass der Freitagnachmittag in dieser Stadt ein allwöchentliches Chaos mit sich zieht. Alle Menschen strömen Punkt achtzehn Uhr zu den U-Bahnen und Bussen. Bereit für das Wochenende springen sie in ihr Auto und lassen jegliche Verkehrssysteme aus allen Nähten platzen, wollen aus der Stadt oder ans andere Ende dieser. Das passiert natürlich auch in Berlin, aber da sind es nicht mehrere Millionen Menschen auf einmal, die alle zur selben Zeit in dieselbe Richtung wollen. Will man also ein Zeichen setzen, das auch wirklich alle sehen und spüren, dann ist es wahrlich clever, genau einen dieser Freitage zu nutzen.

Und die Studenten in diesem Land sind clever. Anders als ihre Eltern haben sie keine Angst mehr vor Autoritäten, sie sind risikofreudig und mutig. Sie wollen Veränderung und haben den Geist, diese zur Not auch mit Gewalt herbeizuführen.

Warum das so ist? Vielleicht, weil sie ihren Eltern täglich dabei zusehen, wie diese ums Überleben kämpfen. Wie diese versuchen mit einem durchschnittlichen Mindestgehalt von 300€ das Leben in einem Land zu meistern, dessen Lebenshaltungskosten nicht minder sind, als die der Deutschen. Wie sie versuchen, die hohen Mieten zu zahlen, die das Gehalt bereits zur Hälfte verzehren. Und gegessen werden muss ja auch noch. Wie diese verzweifeln, wenn sie nicht wissen, wie sie die Behandlung einer Erkrankung zahlen sollen, denn es gibt keine Versicherung, die die Kosten zu hundert Prozent übernimmt und das öffentliche Krankensystem ist ein Trauerspiel. Und kaum haben sie selbst den Fuß in der Uni sind sie bis über beide Ohren hochverschuldet, denn Bildung ist hier kein Geschenk und ohne Kredite überhaupt nicht zugänglich. Und sie wissen jetzt schon, dass wenn ihre Eltern bzw. sie selbst die Rente erreichen, nicht annähernd über die Runden kommen werden. Wer kann das schon mit einer Rente von oft weniger als 150€ pro Monat?
Eine U-Bahnpreiserhöhung von 30 Pesos kann dann schon mal das Fass zum Überlaufen bringen. Und vielleicht klingen jetzt die gerade mal 40 Cent, von denen man in den deutschen Medien lesen konnte, nicht mehr ganz so lächerlich. Es ist auch nicht so, dass die Fahrpreise bisher günstig gewesen wären. In der Rushhour zahlt man gut und gerne 1,40€ pro Fahrt. Wenn man nun täglich mindestens zweimal fahren muss und das einen ganzen Monat lang…
Ja, sie sind wahrscheinlich deshalb so mutig und willensstark. Weil sie endlich wollen, dass es ihren Eltern besser geht. Und sie selbst mal mehr Möglichkeiten haben wollen, um ein würdiges Leben führen zu können.  

Was da also schwelte, entfachte plötzlich in Flammen. Wer an diesem Tag dachte, er würde normal nach Hause fahren können, der irrte.

Es begann damit, dass die Studenten in Massen die Drehspulen der U-Bahn übersprangen und »Evaden!» (so viel wie »vermeidet das Zahlen«) riefen. Die Sicherheitsangestellten waren komplett überfordert und sahen die einzige Möglichkeit, um das Chaos in Griff zu bekommen darin, die U-Bahnhöfe zu schließen. Zumindest die, in die die Studenten noch nicht gekommen waren. Innerhalb kürzester Zeit war das komplette U-Bahnnetz lahmgelegt. Und nicht nur das. Das komplette Verkehrsnetz brach zusammen, denn die Menschen, die nun nicht mehr U-Bahn fahren konnten, mussten auf die Busse zurückgreifen, die in ihrer Kapazität jedoch um einiges beschränkter sind. All diejenigen, die von ihrer Arbeit nach Hause wollten, befanden sich plötzlich auf den Straßen. Kein Gehweg war nicht überfüllt von Leuten, die nun viele Kilometer zu Fuß zurücklegten. Autos kamen nicht mehr voran, das freitägliche Chaos war zu einem nicht mehr überblickenden Ausmaß gekommen.

Dann überschlugen sich plötzlich die Nachrichten von mehreren U-Bahnhöfen, die in Flammen gesteckt wurden. Sie würden bis auf ihre Grundmauern niedergebrannt werden. Die, die nicht in Flammen standen, waren Ventil für all die angestaute Wut. Alles, was klein zu schlagen war, wurde auch klein geschlagen. Die orange-silbernen Mobikes, die auch hier durch die Straßen rollten, wurden in die U-Bahnhöfe geschmissen, Straßenschilder wurden ausgerissen und zum Zerschlagen von Fensterscheiben, Kartenlesern in der U-Bahn oder anderen Dingen genutzt.

Und währenddessen versammelte sich eine weitere Gruppe Studenten am Plaza Italia, dem Platz der Stadt, der stets Brennpunkt jeglicher Proteste ist. Rauchschwaden stiegen auf und beherrschten bald das Bild des Abends. Der Platz würde ab heute Brennpunkt der Stadt im wortwörtlichen Sinne sein.

Wenn sich eine Masse an Menschen, die so viel Wut in sich angestaut hat, zusammenschließt und diese entlädt, entwickelt sie eine solche Kraft, von der man nicht weiß, ob man sie achten oder verachten soll.

Auf dem kompletten Platz und seiner Umgebung wurden jegliche Ampelanlagen und Straßenschilder ausgerissen, überhaupt jegliche metallenen Gitter aus ihrer Verankerung gerissen und als Werkzeug der Wutentladung benutzt. Bis heute wurde nichts davon erneuert, denn es heißt, dies sei nur der Anfang gewesen, doch dazu an anderer Stelle mehr. Alles, was man finden konnte, wurde auf die Straßen geschmissen und angezündet, als Barrikade genutzt, um den Verkehr lahmzulegen.

Kurz darauf kamen die Helikopter der Polizisten, die über der Stadt kreisten, um sich ein Bild der Lage zu machen. Wie metallene Fliegen schwärmten sie in der Luft, das getacktete Flattern über der Stadt, mal näher mal weiter weg, die Scheinwerfer über den Boden rennend. Dazwischen Sirenen der Feuerwehr, der Krankenwagen, Polizeiwagen. Letztere strömten zum Plaza Italia, um die Demonstranten mit Tränengas und Wasserwerfern auseinander zu treiben. Doch diese waren vorbereitet. Sie ließen sich nicht vertreiben. Sie hielten zusammen, sie waren stark. Und inzwischen waren es auch nicht mehr nur Studenten. Von all den Menschen, die plötzlich zu Fuß unterwegs waren, schlossen sich immer mehr zusammen und bauten Barrikaden in ihren Vierteln. Sie strömten nach Hause und traten mit Töpfen und Kochlöffeln in der Hand auf die Balkone und Straßen und begannen ein rhythmisches Schlagen, das bald in der ganzen Stadt ertönte. Diese Methode hatte man damals schon zu Pinochets Zeiten als Zeichen des Protestes genutzt, denn wer sich Gehör verschaffen will, der schafft es damit sicherlich. Cazerolazos nennt man sie, nach der Cazerola, einem großen Topf, in dem die typische Cazuela, eine Suppe, zubereitet wird.

Szenenwechsel.

Eine Pizzeria in Vitacura, dem zweitreichsten Viertel der Stadt und somit auch des Landes. Draußen ist es ruhig, drinnen ertönt Musik aus den Lautsprechern, gedämmtes Licht erzeugt eine gemütliche Stimmung. Die Gäste genießen gerade ihre Pizza, die Nachrichten eventuell auf ihren Smartphones verfolgend und die Köpfe schüttelnd, was die Pobla (Abwertende Bezeichnung für das ärmere ungebildete Volk) da gerade im unteren Teil der Stadt anrichtet. Unter ihnen der wichtigste Mann dieses Landes, Sebastián Piñera. Der Präsident persönlich genießt ebenfalls sein Abendessen und feiert. Ja, er sei ja auch nur ein Mensch. So sei es ihm doch gegönnt, den wichtigsten Tag im Leben seines Enkels gebührend zu feiern. Die Zeit muss man sich nehmen, Familie geht schließlich vor. Und der Enkel hat ja auch nur einmal im Jahr Geburtstag. Lächelnd sitzt er mit der ganzen Familie am Tisch, vor sich den Nachkommen, während weiter unten in der Stadt das Inferno ausgebrochen ist.

Für einen Moment ein ganz normaler Mensch sein, die Schwere seiner Wichtigkeit von ihm genommen.

Doch auch ein Präsident muss irgendwann mal wieder seinen Pflichten nachkommen, das hat ja leider jeder Beruf an sich. So wischt man sich schwermütig den letzten Pizzarest von den Lippen, steigt gegen einundzwanzig Uhr in den hinteren Teil seines Wagens und lässt sich von seinem Fahrer direkt zur Moneda, dem Präsidentenpalast, fahren. Von Eile getrieben wirkt er dabei nicht, er sieht irgendwie immer noch so normal aus, aber vielleicht muss man das als Präsident in solch einer Situation auch einfach. Er erreicht den Palast und gibt zielstrebig den Befehl, das Militär auf die Straße zu schicken, so als wäre es die einzig wahre Lösung, so als wäre dies schon die ganze Zeit sein Plan gewesen. Die Polizisten bekommen das hier ja schließlich nicht mehr in den Griff und jeder, der in diesem Land aufgewachsen ist und jeder, der sich mit der Geschichte dieses Landes auseinandergesetzt hat, weiß, dass wenn man dieses Volk einschüchtern will, man einfach das Militär auf die Straße schickt. So hat es auch schon Pinochet praktiziert. Mit dem Unterschied, dass dieser ein Diktator, Piñera aber ein demokratischer…Nun gut, lassen wir das.

Und so sprangen an verschiedenen Punkten der Stadt die Militärs in ihre Wagen, gerüstet mit geladenen Waffen, bereit gegen das eigene Volk vorzugehen. Gegen ein Volk, das als einzige Waffe einen Topf und einen Kochlöffel in Händen hält. Gegen ein Volk, dass dreißig Jahre lang stillschweigend über sich ergehen hat lassen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden.

Karikatur »Runter mit der Waffe, Señora!«

Und während unsereins ungläubig vor dem laufenden Fernseher stand und die Bilder vor sich sah, das Topfschlagen und das Flattern der Helikopter in den Ohren, machte sich ein Gefühl der Furcht in uns breit. Denn wir konnten nur ahnen, dass diese Nacht der Beginn von etwas Großem war. Von etwas, was womöglich das Leben eines ganzen Landes verändern würde und somit auch unseres. Denn nach dreißig Jahren hatte es eine Gruppe von Studenten endlich geschafft, dieses Volk aufzuwecken. »Chile despertó«!

 

 

 

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