Von grünen Pflanzenknollen und Nagetiergefühlen

Als man Schreiberling das erste Mal eine dieser grünen Pflanzenknollen vorsetzte, die zur hiesigen Küche gehören, befanden wir uns ausgerechnet im Hause der Schwiegereltern in spe. Und das wohlgemerkt zum ersten Mal. Unsere innere Aufregung versuchten wir permanent zu unterdrücken, auch wenn sie bereits auf dem Höhepunkt angekommen war, konnten wir doch aus dem Wirrwarr an chilenischem Spanisch nur Fetzen verstehen, die es schwierig machten, den von uns gewünschten Eindruck zu hinterlassen. Dennoch dachten wir, dafür liefe es ganz gut. Doch dann lag sie da. Die Artischocke. Irgendwie bedrohlich. Auf unserem Teller.

Manch einer mag uns nun als kulinarischen Ignoranten bezeichnen, kannten wir diese schönen Pflanzen in ihrer ganzen Form nur aus dem mediterranen Gartenbereich oder lediglich das Herzstück auf einer Pizza. Das bisherige Nagervergnügen war uns verwehrt geblieben und wir hatten absolut keine Ahnung, wie wir dieses blättrige Ungetüm verzehren sollten.

Artischocke (© Lena Labryga / Weonlandia)

Keine vier Jahre später sind wir zum absoluten Artischockenliebhaber geworden und unsere Freude ist groß, wenn wieder Saison ist. Doch das Artischockenessen im Ganzen will gelernt sein, wie uns die Erfahrung lehrte.

Zurück also zum Schwiegeresstisch. Eindruck hin oder her, uns blieb ganz einfach nichts anderes übrig, als in unserem damals noch zu schönen Hochschulspanisch zu fragen. Und Schreiberling ermutigt jeden dies im Falle des Nicht-Wissens zu tun. Sonst findet man sich schnell mit stacheligen feinen Härchen auf der Zunge wieder, die einem das Gefühl geben können, man habe versehentlich in einen Kaktus gebissen.

Wie isst man also eine ganze Artischocke? Heute antworten wir lässig – ganz einfach. Man zupfe jedes einzelne Blatt ab, tunke es mit seinem fleischigen Ende in Mayonnaise oder eine Mischung aus Zitrone, Senf und Olivenöl und kratze das Fleisch mit seinen Vorderzähnen ab.

Nach den ersten drei Blättern konnten wir also entspannen, zumindest diesen Teil hatten wir verstanden. Und waren uns ebenfalls im Klaren darüber, dass der Eindruck nun wirklich keine Rolle mehr spielen würde. Denn wenn man an einem runden Tisch sitzt, an dem vier Erwachsene blätterzupfend, knabbernd und lutschend sitzen, während sich vor ihnen ein kleiner Berg abgenagter Blätter bildet, reduziert sich doch alles aufs Wesentliche. Und man wird irgendwie das Gefühl nicht los, eine nicht zu verkennende Ähnlichkeit mit einer Nagerfamilie zu haben.

Nachdem wir dann den gesamten äußeren Blattbereich abgearbeitet hatten, wurde es erneut kritisch, denn wir erreichten das Herzstück. Hier befindet sich, umgeben von weiteren dicken Blättern, das kleine Feld feiner kratziger Härchen, dessen weich anmutender Anblick so schelmisch trügt. Diese sollten unbedingt mit einem Löffel abgekratzt und ausgehoben werden, aus dem bereits zuvor genannten Grund.

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Hat man diese schließlich entfernt, kann man den Strunk erneut in Mayonnaise oder Zitronenmischung tunken und genußvoll hineinbeißen, schließlich ist es das leckerste Stück der ganzen Pflanze.
Es sei dazugesagt, dass die Artischocken vor dem Verzehr mindestens 40 – 60 Minuten in Wasser gekocht werden müssen. Oder zumindest so lange, bis die Blätter beim Ziehen nachgeben.

Wir hatten es also geschafft. Mit zitronenverschmierten Händen saßen wir vor unserem Haufen Blätter und wussten nicht so recht, ob wir das nun lecker fanden. Es mussten ein paar mehr Artischocken über unseren Tisch wandern, bevor wir zum Liebhaber derer wurden. Und wie die Artischocke so verlor auch mit der Zeit der Schwiegeresstisch seinen Grund zur Nervosität, zupfen wir doch inzwischen Experten gleich an unserer Knolle und geben dabei unser bestes Chilenisch von uns. Die liebe Schwiegermutter in spe nickt zufrieden und reicht uns die Mayonnaise. Buena! Kulinarisch gesehen kann man uns hier also nichts mehr vormachen. Und auch sprachlich können wir von einer bedeutenden Veränderung sprechen, hat sich der Wirrwarr doch inzwischen in vollständige, wenn auch oft äußerst gewöhnungsbedürftige Sätze aufgelöst. Nur das Nagetiergefühl, das bleibt irgendwie.

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