Von grünen Pflanzenknollen und Nagetiergefühlen

11. November 2018
Kulinarisches | Kurioses

Als man mir das erste Mal eine dieser grünen Pflanzenknollen vorsetzte, die zur hiesigen Küche gehören, befand ich mich ausgerechnet im Hause der Schwiegereltern in spe. Und das wohlgemerkt zum ersten Mal. Meine innere Aufregung versuchte ich permanent zu unterdrücken, auch wenn sie bereits auf dem Höhepunkt angekommen war, konnte ich doch aus dem Wirrwarr an chilenischem Spanisch nur Fetzen verstehen, die es schwierig machten, den von mir gewünschten Eindruck zu hinterlassen. Dennoch dachte ich, dafür liefe es ganz gut. Doch dann lag sie da. Die Artischocke. Irgendwie bedrohlich. Auf meinem Teller.

Manch einer mag mich nun als kulinarischen Ignoranten bezeichnen, kannte ich diese schönen Pflanzen in ihrer ganzen Form nur aus dem mediterranen Gartenbereich oder lediglich das Herzstück auf einer Pizza. Das bisherige Nagervergnügen war mir verwehrt geblieben und ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich dieses blättrige Ungetüm verzehren sollte.

Artischocke (© Lena Labryga / Weonlandia)

Keine vier Jahre später bin ich zum absoluten Artischockenliebhaber geworden und meine Freude ist groß, wenn wieder Saison ist. Doch das Artischockenessen im Ganzen will gelernt sein, wie mich die Erfahrung lehrte.

Zurück also zum Schwiegeresstisch. Eindruck hin oder her, mir blieb ganz einfach nichts anderes übrig, als in meinem damals noch zu schönen Hochschulspanisch zu fragen. Und ich ermutige jede und jeden, dies im Falle des Nicht-Wissens zu tun. Sonst findet man sich schnell mit stacheligen feinen Härchen auf der Zunge wieder, die einem das Gefühl geben können, man habe versehentlich in einen Kaktus gebissen.

Wie isst man also eine ganze Artischocke? Heute antworte ich lässig – ganz einfach. Man zupfe jedes einzelne Blatt ab, tunke es mit seinem fleischigen Ende in Mayonnaise oder eine Mischung aus Zitrone, Senf und Olivenöl und kratze das Fleisch mit seinen Vorderzähnen ab.

Nach den ersten drei Blättern konnte ich also entspannen, zumindest diesen Teil hatte ich verstanden. Und war mir ebenfalls im Klaren darüber, dass der Eindruck nun wirklich keine Rolle mehr spielen würde. Denn wenn man an einem runden Tisch sitzt, an dem vier Erwachsene blätterzupfend, knabbernd und lutschend sitzen, während sich vor ihnen ein kleiner Berg abgenagter Blätter bildet, reduziert sich doch alles aufs Wesentliche. Und man wird irgendwie das Gefühl nicht los, eine nicht zu verkennende Ähnlichkeit mit einer Nagerfamilie zu haben.

Nachdem ich dann den gesamten äußeren Blattbereich abgearbeitet hatten, wurde es erneut kritisch, denn ich erreichte das Herzstück. Hier befindet sich, umgeben von weiteren dicken Blättern, das kleine Feld feiner kratziger Härchen, dessen weich anmutender Anblick so schelmisch trügt. Diese sollten unbedingt mit einem Löffel abgekratzt und ausgehoben werden, aus dem bereits zuvor genannten Grund.

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Hat man diese schließlich entfernt, kann man den Strunk erneut in Mayonnaise oder Zitronenmischung tunken und genußvoll hineinbeißen, schließlich ist es das leckerste Stück der ganzen Pflanze.
Es sei dazugesagt, dass die Artischocken vor dem Verzehr mindestens 40 – 60 Minuten in Wasser gekocht werden müssen. Oder zumindest so lange, bis die Blätter beim Ziehen nachgeben.

Ich hatte es also geschafft. Mit zitronenverschmierten Händen saß ich vor meinem Haufen Blätter und wusste nicht so recht, ob ich das nun lecker fand. Es mussten ein paar mehr Artischocken über meinen Tisch wandern, bevor ich zur Liebhaberin derer wurden. Und wie die Artischocke so verlor auch mit der Zeit der Schwiegeresstisch seinen Grund zur Nervosität, zupfe ich doch inzwischen Experten gleich an meiner Knolle und geben dabei mein bestes Chilenisch von mir. Die liebe Schwiegermutter in spe nickt zufrieden und reicht uns die Mayonnaise. Buena! Kulinarisch gesehen kann man mir hier also nichts mehr vormachen. Und auch sprachlich kann ich von einer bedeutenden Veränderung sprechen, hat sich der Wirrwarr doch inzwischen in vollständige, wenn auch oft äußerst gewöhnungsbedürftige Sätze aufgelöst. Nur das Nagetiergefühl, das bleibt irgendwie.

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