La Campana und die Vogelperspektive oder das Gefühl fast zu fliegen

Wenn wir Flügel hätten, würden wir genau jetzt abheben. Wir stehen am dafür perfekten Ort. Auch wenn von Leichtigkeit in unseren Gliedern keinerlei Spur mehr zu finden ist. Im Gegenteil. Doch was sich unter uns ausbreitet, ist so atemberaubend schön, dass wir die Schmerzen in unseren Beinen für einen Moment vergessen. Wir können zum ersten Mal über die Bergspitzen sehen. Und das Schönste dabei – wir sehen am Horizont die schneebedeckten Anden und auf der anderen Seite das Meer. Das war bisher aus unserer Sicht nur als Vogel möglich. Doch heute haben wir selbst die Vogelperspektive erlangt. Es ist fast so als würden wir fliegen. 

Schon lange wollten wir uns diesen Wunsch erfüllen – einmal die Anden und das Meer gleichzeitig sehen. Und das, ohne im Flieger zu sitzen, mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

In Chile ist das gar nicht so einfach, schließlich sind eigentlich immer Berge im Weg. Nicht aber, wenn man auf einen der höchsten in der Region steigt – La Campana, Name des 1.828 m hohen Berges im gleichnamigen Nationalpark. Ein kleines Juwel der Zentralregion, nur eineinhalb Stunden von der Metropole Santiago entfernt, das wohl die meisten Touristen übersehen, eher die weiter entfernten Ziele im Blick. Doch der Park La Campana birgt neben seiner Aussicht viele Schätze, nicht umsonst durchwanderte einst Darwin seine Wälder und bestieg den Gipfel. Ein Schmuckstück ist einer der letzten natürlichen Wälder der Palma Chilena – eine endemische Palmenart, die inzwischen vom Aussterben bedroht ist.
Und die dunklen Minenschächte ins Innere des Berges, die uns auf unserem Weg begegnen werden, lassen an frühere Zeiten erinnern, als man hier noch nach den unterirdischen Schätzen wie Gold oder anderen wertvollen Mineralien schürfte. Dank der Ernennung zum Nationalpark sind die Eingänge heute lediglich eine Reliquie und der Berg kann ruhen.

Wir wollen es Darwin also gleich tun, unserem Entdeckerdrang folgen und entschließen uns für denselben Weg. Die Nacht davor verbringen wir auf dem Campingplatz auf der anderen Seite des Parks, schließlich wollen wir so früh wie möglich starten. Dem Wind im Zelt lauschend, ja sogar dem Blöken der Kühe (Hunde dürfen den Park nicht betreten, wohl aber Kuhfladen verbreitende Kühe…verstehe einer die Logik!)in der flehenden stillen Hoffnung, keiner Vogelspinne auf dem nächtlichen Klogang zu begegnen (ja, manch einer mag fasziniert von diesen Wesen sein, die hier zur lokalen Fauna gehören – nicht so Schreiberling),schälen wir uns des morgens mit dem ersten Vogelgezwitscher aus dem Zelt, schlürfen den nach einer Zeltnacht so geschätzten Instantkaffee und stärken uns (wie könnte es anders sein) mit Pan con Palta, um dann bei der Öffnung der Tore des Parks am Eingang zu stehen. Umgeben von vielen weiteren Mitstreitern begeben wir uns hochmotiviert auf den Weg. Die Sonne ist mit uns, der Himmel wolkenlos – beste Voraussetzungen für eine fantastische Aussicht.

Das Faszinierende an diesem Park ist die Vegetation, die sich mit zunehmender Höhe immer mehr verändert. Wandert man anfangs noch serpentin durch dichten Laubwald, verändert sich dieser bald schon zu dichten Bambusbüschen, die hier heimisch sind. Dank des heute beginnenden Frühlings werden wir von immer wiederkehrenden knalligen Blüten am Wegesrand begleitet, die ihre zarten, frischen Köpfe der Sonne entgegenrecken.

Nach zwei Stunden stetigen bergaufs erreicht man die Hälfte der Strecke, die Bambusbüsche werden von bizarr wirkenden dünnen Bäumen abgewechselt, die gerade ihre ersten grünen Blattkronen bekommen.

Und schließlich verschwinden auch diese, werden uns nur noch punktuell begegnen, denn hier oben wird im Winter das Klima zu hart und der Boden ganz einfach zu steinig für dichten Bewuchs. Vorbei an Darwins Denkmalplakette, wird auch uns der Boden bald etwas zu steinig. Oder anders gesagt – er besteht nur noch aus Fels und Stein. Wenn man bereits über drei Stunden nur steil hoch gewandert ist, dann ist ungefähr das Letzte was man jetzt braucht, ein nicht mehr zu erkennender Weg zwischen Steinen, Felsen, praller Mittagssonne und langsam aber sicher versagender Beinmuskulatur. Hinzu kommt der zunehmende Einsatz aller vier Extremitäten, denn manch hohen Felsbrocken schaffen wir inzwischen gar nicht mehr, ohne uns an ihm mit den Armen hochzuziehen. (zu gern würden wir behaupten, wir wären den Berg locker hinaufgestiegen, doch der Authentizität wegen, wollen wir ehrlich bleiben, schließlich besteigen wir auch nicht jede Woche einen fast 2.000 Meter hohen Berg)

Wir denken erneut an Darwin und die damaligen Strapazen, die sicherlich viel schlimmer waren und sagen uns, wenn er es geschafft hat, wie könnten wir es dann heute nicht schaffen. Wir atmen also tief durch und… brauchen trotzdem erstmal eine Pause. Am Hang klebend, halten wir also für einen Moment inne und wenden unseren Blick um. Es ist, als wollten sie einem Mut machen, weiter zu gehen, um ihre ganze Pracht vom Gipfel aus bewundern zu dürfen – die schneebedeckten Anden zeigen sich, wie eine feine weiße Linie, noch halb versteckt hinter den davorliegenden Bergen. Wir sind bereits jetzt überwältigt von ihrem Anblick und möchten für einen Augenblick einfach nur die Ruhe und die Aussicht genießen (und unseren Atem wiederfinden).Nicht so drei halbstarke Jugendliche, die kurz hinter uns, alle paar Meter anhalten und ihre Köpfe lässig im Rhythmus des Regaetton wippen (wahrscheinlich um zu übertünchen, dass ihre Beinmuskeln ebenfalls schwach geworden sind), auf den sie dank ihres Smartphones und des in Chile so wunderbar flächendeckenden Handynetzes auch nicht auf einem abgeschiedenen Berg verzichten müssen. Was würden wir dafür geben, wenn das Handynetz an manchen Orten einfach mal versagen würde. Denn nicht mal hier oben ist man sicher vor den weltweit bekannten Rhythmen Daddy Yankies. Wären wir ein Vogel würden wir jetzt gerne abheben. Und im Fluge mit unseren Krallen das Handy greifen, um die Rhythmen ins Tal zu versenken. Doch leider haben wir nur zwei Beine und so bleibt uns nichts anderes übrig, als den still aufsteigenden Ärger in Energie umzuwandeln und zu versuchen uns schnelleren Schrittes von Daddy Yankie and The Gang zu entfernen.

Und als wir dachten, wir können wirklich nicht mehr, haben wir es geschafft und würden jetzt gern einfach weinen. Wir wissen zuerst nicht genau, ob aus reiner Erschöpfung oder doch wegen dieses atemberaubenden Anblicks, entscheiden uns dann aber für Letzteres.

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Wir setzen uns auf einen Felsbrocken und genießen einfach nur. Es ist schwierig, diesen gigantischen Ausblick in ein paar Worte zu fassen, man muss es mit eigenen Augen gesehen haben. Das Gefühl dabei ist überwältigend. Man hat mit allem Körpereinsatz diesen Berg bezwungen, fühlt sich, als hätte man all seine Energie aufgebraucht und im selben Moment wird der ganze Körper mit neuer Energie erfüllt. Es ist, als wären wir ein Vogel, hoch über allem, es gibt nur ganz wenige Berge, die noch höher sind als wir. Am Horizont die Anden, jetzt in ihrer ganzen Pracht. Und dann auf der anderen Seite das Meer. Chile in all seiner Breite, all seiner Schönheit und wir wieder einmal so unbedeutend klein. Oder wie Darwin es damals niederschrieb:

„Wir verbrachten den Tag auf dem Gipfel des Berges und nie erschien mir die Zeit so kurz. Chile, begrenzt durch die Anden und den Pazifik, breitet sich vor unseren Füßen wie eine riesige Fläche aus. Das Spektakel an sich ist bewundernswert, aber das Wohlgefallen nimmt mit den zahlreichen Reflexionen des la Campana und der parallelen Bergketten, sowie dem weiten Tal von Quillota, das sie im rechten Winkel durchbricht, zu.“
(frei übersetzt nach Charles Darwin)

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In einem für sie sicheren Abstand und doch eigentlich zu nah, sehen wir ein paar kleine Andenfüchse, die neugierig umherstreifen und wohl dank der nahrungsgebenden Zweibeiner bis hier hoch kommen. Denn ansonsten ist hier oben alles karg.

Zorro Culpeo (© Lena Labryga / Weonlandia)

Nach einer Stärkung und kurzen Entspannung unserer Beine, müssen wir uns bald schon auf den Rückweg machen. Einmal mehr wären wir jetzt gern ein Vogel, um einfach entspannt ins Tal zu segeln. Die Perspektive wurde uns heute geschenkt, die Flügel bleiben jedoch aus und so müssen uns unsere müden Beine vier weitere Stunden den Berg hinabtragen. Mit zunehmender Vegetation und zunehmendem Beinschmerz (jetzt auch die Knie und Füße – was gäben wir für ein Muli!) gelangen wir schließlich im goldenen Licht der Nachmittagssonne ins Tal zurück. Das Tal von Quillota ist ein sehr fruchtbares Tal, hier wachsen je nach Jahreszeit Orangen, Mandarinen, Avocados, Tomaten und vieles mehr. Die Lebensqualität ist in dieser Region sehr hoch, bei seinem Anblick haben wir zumindest den Eindruck.

Nach insgesamt acht Stunden sitzen wir schließlich wieder im Auto und begeben uns auf den Weg zurück in die Hauptstadt. Und während wir uns langsam aus dem Tal entfernen, fällt unser Blick immer wieder zurück und erfüllt uns mit Stolz, wenn wir den kantigen Berg hinter uns sehen, den wir tatsächlich bezwungen haben. Er hat uns in unseren Köpfen reicher gemacht, uns Bilder geschenkt, die wir nicht mehr vergessen werden und uns für einen Moment das Gefühl gegeben, fast fliegen zu können. Noch wissen wir nicht, dass uns der Muskelkater drei (!!) ganze Tage begleiten wird. Doch das brauchen wir gerade auch gar nicht zu wissen. Denn das Gefühl, etwas wunderbar Großartiges erlebt zu haben, das bleibt auf ewig.

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