Ein Streifzug über eine Insel, auf der die Welt noch in Ordnung zu sein scheint – Chiloé.

Chiloé. Mystische Insel. Legenden erzählt man sich auf deinen Hügeln – von Geisterschiffen, die des Nachts die Küste anlaufen, von verstorbenen Seelen, die man in deiner Bucht weinen hört, vom Trauco dem Gnom, der die Frauen in seinen Bann zieht und verführt… Götter und Fabelwesen, die deine grüne Erde bewohnen. Betritt man dein Land, so ziehst du einen in deinen Bann, es ist, als würde man plötzlich selbst ein mystisches Wesen dort hinten am Horizont stehen sehen, im Winde wehendes Haar, bevor es langsam vor dem wolkenbehangenen Himmel verschwimmt.
Viel haben wir von dir gehört, es gibt keinen, der nicht von dir schwärmt und so zogen auch wir aus, um durch deine Wälder zu streifen, deine Hügel zu erklimmen, deine Möwen lachen zu hören, deinen Regen zu spüren, deine Erde zu riechen, deine auf Stelzen gebauten Häuser zu bewohnen, dein Meersalz auf den Lippen zu schmecken.

Tentenvilú, Gott der Erde, hatte das Chiloé Archipel geschaffen. Nun saß er auf einem Felsen und ruhte sich aus. In diesem Moment kam Caicaivilú, Gott des Meeres, zum Vorschein und sagte ihm: »Da ich schlauer bin als du, weil ich unter dem Wasser sehen kann, möchte ich dein Imperium besitzen und über den Menschen herrschen.«
Tentenvilú dachte lange nach und antwortete schließlich:
»Gut, deinem Wunsch soll stattgegeben werden, doch dein Herrschaftsgebiet soll nur bis dorthin reichen, wo du Erde siehst, das Grün sei mein. «
Das Meeresungetüm leckte sich seinen Schlund und sagt genüsslich:
»Ich danke dir für deine Großzügigkeit, doch wann soll dies geschehen?«
»Beim drittnächsten Sonnenaufgang. Ich brauche die Zeit, um mich vorzubereiten.«
Und während er sich in die Tiefen des Ozeans zurückzog dachte Caicaivilú:
»Dieser Tentenvilú will mich mit mysteriösen Worten durcheinanderbringen. Übermorgen werde ich Herrscher über das Archipel sein und somit alles mit meinen ewigen Wassern bedecken. Was ihn angeht – das, was es am meisten dort oben gibt sind Steine und Sand …Erde! …Grün? …Hahaha …Wie lächerlich! Die Erde ist nicht grün!«
Am dritten Tag entfaltete er seine Flossen und stieg triumphierend auf.
Doch während des vorangegangenen Tages hatte Tentenvilú die Vegetation geschaffen, die üppigsten Hügel und Wälder, so dass Caicaivilú ein einziges Grün vorfand.
Wutschnaubend rief er:
»Dieses Mal hast du mich hintergangen!… Doch wirst du schon sehen, was ich mit den Geschöpfen machen werde, die dein Reich bewohnen. Ich werde eine schreckliche Welle sich erheben lassen und alle werden sie ertrinken.«
Und so schuf er den Tsunami.
Tentenvilí erhob sich und sagte grinsend:
»Und ich werde das Beben erschaffen, das deine Wut ankündigen und somit niemand überrascht sein wird.«
(frei übersetzt nach der berühmten Legende)

Man könnte beim ersten Anblick meinen, man sei an den rauen Küsten Großbritanniens, gleicht das Klima und die Vegetation doch dem dortigen. Doch die Pinguine im Norden der Insel lassen erkennen, dass wir uns im Süden der Erdhalbkugel befinden. Und spätestens, wenn wir in Castro ankommen, Hauptstadt der Insel, wissen wir, dass wir an einem doch eher partikulären Ort sind. Auf Stelzen gebaute Holzhäuser, bunt bemalt, zieren das Stadtbild. Einst waren die Steuern an Land so manchen Bewohnern zu hoch, so dass sie beschlossen eher ungewöhnliches Terrain zu bebauen und die Steuern so zu vermeiden. Somit ernannten sie Teile des Meeresbodens in den Buchten ihr eigen und noch heute sind die Palafitos Wahrzeichen der Insel. Wenn die Temperatur des Abends sinkt, steigt heimlich Rauch aus ihren Schornsteinen, innen sitzt man am Kamin und lauscht dem Knacken der Dielen.


In Castros Straßen findet man noch die kleinen Tante-Emma-Läden, hier ein paar Stoffe, dort ein paar Töpfe, hier ein Schuster. Und zwischen ihnen der China Laden, mit seinen eintausend Peso Angeboten und über den Köpfen die kreischenden Möwen. Castro hat etwas puppenstubenartiges, heimelig, gemütlich. Und so wirkt jedes kleine Dorf auf dieser Insel.

Man ist versucht in einen „Hier ist die Welt noch in Ordnung Zustand“ zu verfallen, mit einem entspannten Dauerlächeln über die Insel zu schweben, zu dem vor allem auch ihre Bewohner beitragen.

Es gibt wahrscheinlich kaum einen Ort, an dem es so viele hilfsbereite, unglaublich herzliche, überaus freundliche und ganz einfach „echte“ Menschen gibt. Man könnte sagen, es menschelt gar sehr auf Chiloés Hügeln. Fragt man einen Chiloten nach dem Weg, so wird er einem nicht nur mitgeteilt, nein, man wird gleich bis zum Ziel gebracht, damit man nicht verloren geht. Auf dem Weg wird neugierig gefragt, woher man denn sei und schon entsteht ein kleines Schwätzchen. Die Chiloten wirken gesellig, was auch am Klima der Insel liegen mag, soll es hier doch tatsächlich 360 Tage im Jahr regnen. Man trifft sich also eher zu Hause, im wohl beheizten Heim und isst. Überhaupt scheint sich hier fast alles ums Essen zu drehen. Auf Chiloé gibt es unglaublich viele Essenstraditionen, typische Gerichte, die man nur hier findet. Der berühmte Curanto, die Chochoca, den riesigen Knoblauch oder die bunten Kartoffeln, die so herrlich intensiv schmecken. Auf jedes einzelne Gericht einzugehen würde hier den Rahmen sprengen, es sollen lieber einzelne Berichte davon folgen.

Schieben wir also lieber unseren satten Bauch für einen Moment aus Castro und ziehen über die Hügel Richtung Süden der Insel. Verfahren kann man sich auf dieser Insel dabei eigentlich nicht, denn es gibt eine Hauptstraße, die von Norden nach Süden führt. Wir nehmen dennoch eine Abzweigung Richtung Küste. Vorbei an einer Lagune und üppig grünen Wäldern gelangen wir zu den rauen Stränden des Pazifik. Die Gischt hängt in der Luft, die Wellen tosen an Land. Hier lassen wir das Auto stehen und begeben uns zu Fuß weiter, erklimmen die grünen Küstenhügel, genießen die sagenhaften Aussichten auf jedem einzelnen, bis sich schließlich vor uns das berühmte Muelle de las Almas ausbreitet – die Bucht der Seelen.

Der Anblick ist atemraubend, wären da nicht die vielen Touristen, zu denen man nun mal selbst in diesem Moment gehört. Ein Hauch Mystik liegt dennoch in der Luft und selbstverständlich bleibt diese ebenfalls durch eine Legende erhalten.

Manch einer mag sie hören, die weinenden Seelen, ihr Schluchzen, das manch anderer wiederum nur für das Rauschen des Meeres, die Brandung gegen die Felsen halten mag.

Die Legende besagt, die Seelen rufen verzweifelt nach Tempilcahue, dem Bootsführer in Gestalt eines Fabelwesens, dessen Boot im Schaum der Wellen auftaucht, um verstorbene Seelen in die Totenwelt überzusetzen. Doch wie im echten Leben ist auch hier nichts gratis und so lässt sich auch Tempilcahue die kleine Bootsfahrt mit wunderschönen Steinen bezahlen, die man am Strand von Rahue findet. Die Seelen, die man hier heute hört, haben diese Steine nie gefunden und müssen so in unserer Welt verweilen, weshalb sie durch ewiges Schluchzen und Weinen ihrem Leid Ausdruck verleihen, da sie nie den ewigen Frieden finden werden. Man sollte sich nun niemals anmaßen diese Seelen zu rufen oder sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Ansonsten wird man nach genau einem Jahr selbst vom Tode heimgesucht.
Das wollen wir natürlich nicht riskieren, gibt es noch viel zu viel in diesem schönen Land zu sehen, so dass wir uns still auf die Wiese setzen und die Seelöwen auf einem Felsen im Meer beobachten.

Auf die berühmte Holzrampe, die man hier aufgestellt hat, werden wir uns nicht begeben, denn die Warteschlange an Touristen scheint endlos. Im goldenen Abendlicht wandern wir schließlich zurück zum Auto, reich um einen weiteren magischen Ort in unseren Erinnerungen.

Der Nächste liegt nicht weit entfernt. Im Süden der Insel erstreckt sich ein riesiges Waldgebiet, für das man mindestens 7 Tage bräuchte, um es einmal von Norden nach Süden zu durchwandern – der Parque Tantauco, durch dessen Wälder auch schon Darwin streifte und fasziniert von diesem Ort berichtete. Wir haben nur drei zur Verfügung, doch sie genügen, um uns einen Eindruck von der unberührten Natur zu geben, die hier noch herrscht. Dichter Urwald, durchbrochen von großen Seen, durchflogen von Vögeln, Kolibris, getränkt von immer wiederkehrenden Regenschauern. Man hat die Natur hier so wenig wie möglich beeinflusst, so dass man nicht etwa auf geebneten Wegen durch den Wald wandert, sondern auf gekürzten Baumstämmen, die es erlauben, dass auch darunter noch die Natur Natur sein kann.

Wir genießen vor allem eines – die Ruhe. Man schließe die Augen und höre einfach mal nichts „Menschliches“, nur das Rauschen der Blätter, das Plätschern einer Quelle, dass Zirpen einer Grille oder das Zwitschern eines Vogels, den Flügelschlag eines Kolibris.

Der Wald ist teilweise so verwildert und unberührt, dass er einem das Gefühl gibt, man sei der erste, der ihn erkundet. Und in der Nacht hört man nur den Regen auf das Zelt prasseln, atmet die klare kalte Luft und fühlt sich mal wieder wie so oft in Chile bedeutungslos klein gegenüber dieser mächtigen und wunderschönen Natur, die vor allem hier so magisch und mystisch zugleich ist.

Wieder unter Menschen, wollen wir noch eine weitere Ecke der Insel erkunden. Es geht also nördlich von Castro nach Dalcahue, einem kleinen Dorf, dessen Hauptattraktion der Markt im Hafen ist, auf dem vor allem Wolle in all ihren Facetten verkauft wird. Wolle ist überhaupt das, was man am besten auf der Insel erwerben kann, denn sie ist rein und herrlich warm. Dank der vielen Schafe, die hier ihr glücklich entspanntes Leben auf den saftig grünen Hügeln der Insel verbringen. Wahrzeichen Dalcahues ist, wie in den meisten Orten hier auf Chiloé, die hölzerne Kirche. Sie gilt, wie auch fünfzehn weitere auf der Insel als UNESCO Welterbe, denn ihre Architektur ist einzigartig in ganz Amerika.

Wir werfen einen Blick hinein und müssen feststellen, es ist eines der gemütlichsten Gotteshäuser, das wir je betreten haben. Das Holz gibt eine gewisse Wärme, ganz anders als das sonst immer kühle Gestein. Würden wir regelmäßig in die Kirche gehen, so wäre das wohl am liebsten in eine der vielen Holzkirchen Chiloés, in denen man sich wahrscheinlich näher zu Gott fühlen kann, als in den sonst eher mächtigen Kathedralen, vorausgesetzt man glaubt an einen.
Von hier aus nehmen wir einen der Busse, der uns auf die kleine Insel gegenüber bringen wird, eine der vielen Inselchen die zum Hauptarchipel gehören. Unser Ziel ist der Ort Achao. Schlendert man durch dessen Straßen, hat man tatsächlich das Gefühl, hier ist die Zeit stehen geblieben. Es scheint absolut nichts zu passieren. Entspannte Menschen, eigentlich noch entspannter als in Castro oder all den anderen Orten der Insel, die gemütlich in einem der einfachen Restaurants ihre Cazuela schlürfen oder in einem der kleinen Tante-Emma-Läden genau das finden, was sie sonst überall suchen würden. Ansonsten sind die meisten Straßen sogar um die Mittagszeit wie ausgestorben.

Wir setzen uns für einen Moment an den Strand, wo uns der kräftige Wind des Südens um die Ohren fegt und genießen erneut die Ruhe auf dieser Insel.

Mag es vielleicht an dieser Ruhe liegen, an dieser schon fast unheimlich wirkenden Idylle, dass sich so viele Mythen um die Insel ranken? Dass so viele Fabelwesen zwischen den Bewohnern leben?

Denn je länger man hier sitzt, an diesem stillen Ort, den Wind in den Ohren, der die Wellen peitschen lässt, so könnte man fast glauben es dort hinten am gegenüberliegenden Ende der Bucht stehen zu sehen – das Camahueto, das Einhorn, mit dem goldenen Horn, dem heilende Kräfte zugeschrieben werden und das sich nur mit Seetang einfangen lässt. Oder man glaubt das Grunzen des Cuchivilu zu hören, einem Wesen, dessen Körper dem einer Schlange gleicht, doch gekrönt ist mit dem Haupt eines Schweins. In den Nächten soll es die Korallen durchwühlen und nach Fischen und Meerestieren suchen, von denen es sich ernährt. Und ist dies dort hinten am Horizont des Meeres tatsächlich nur eine Nebelwolke oder nicht gar doch das Lucerna? Ein Schiff, das so lang ist, dass es einen ein Leben lang kosten würde, von einem Ende zum anderen zu gelangen. Es soll die Mondphasen regulieren und mit ihnen Leben und Tod derer, die versuchen es zu durchlaufen.
Ja, es gibt schier unzählige Mythen, die sich um diese Insel ranken und wir würden zu gerne noch länger hier sitzen und uns von ihnen in ihren Bann ziehen lassen. Doch unsere Zeit neigt sich dem Ende zu und so verlassen wir Achao und seine Ruhe und mit ihr auch die Insel.

Während wir auf der Fähre stehen, die uns hinüber auf´s Festland bringt, blicken wir noch einmal verträumt zurück auf die grünen Hügel Chiloés und sind uns ganz sicher, dass dies nicht das letzte Mal war, dass wir hier waren. Und als würde die Insel nie aufhören uns mit ihrer Magie begeistern zu wollen, springen sie plötzlich aus dem Meereswasser an die Oberfläche – Tümmler, ihre Haut schwarz-weiß spielen sie mit den Wellen, die das Schiff aufwirft. Mit einem Lächeln im Gesicht verabschieden sie uns.
Aber haben wir sie wirklich gesehen? Oder waren auch sie nur Teil einer Legende?…

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