Süß, süßer, am süßesten

Wenn die Chilenen eines lieben, dann ist es Zucker. Und das egal in welcher Form. Doch am allerliebsten in cremig karamellisierter streichbarer Form. Braun, zähflüssig, oftmals in Verbindung mit einem genüsslich dahin schmelzenden Blick, genannt Manjar (sprich: Manchar). Die braune Paste, nichts anderes als karamellisierte Kondensmilch, versüßt einem jegliche bereits schon sehr süße Süßspeise. Während sich Schreiberling regelmäßig die Geschmacksnerven zusammenziehen, schmieren sich die Chilenen noch eine extra Portion oben drauf. Manjar ist einfach überall drin, es verfolgt einen regelrecht, ein Entkommen ist schlichtweg nur durch Verzicht auf chilenische Süßspeisen möglich. Und von denen gibt es zu Hauf.  

Die beliebtesten und wahrscheinlich berühmtesten unter ihnen sind zum Beispiel Keksrollen gefüllt mit Manjar, genannt Cuchuflí (sprich cutschufli), dann die auch in Argentinien heiß geliebten Alfajores (sprich Alfachores), die man als so etwas wie einen Doppelkeks mit Manjarfüllung bezeichnen könnte. Und dann natürlich DIE Torte ohne die wahrscheinlich kein Chilene leben kann – Torta de mil hojas.  Übersetzt heißt sie so viel wie Torte aus tausend Blättern. Tausend sind es nicht wirklich, doch wenn man ein Stück von ihr gegessen hat (vorausgesetzt man meistert ein ganzes!) kann man sich tatsächlich so fühlen, als ob man tausend davon in seinem Magen liegen hätte: Ein Schichtberg von dünnen Teigplatten und zwischen jeder eine Schicht Manjar. Als sei das noch nicht genug, wird das Ganze auch noch mit Manjar ummantelt und schließlich mit einer Mischung aus gehackten Nüssen bestreut.

Tora de mil hojas (© Lena Labryga / Weonlandia)

Torta de mil hojas (© Lena Labryga / Weonlandia)

Wer dachte, dies sei der höchste Ausdruck wahrer Liebe zu Manjar, der kennt noch nicht das echte Maximum an süß – Chilenitos. Klingt fast ein wenig niedlich, ein bißchen unschuldig zugleich und bedeutet so viel wie kleiner Chilene. Klein ist er nicht wirklich (wir sprechen hier vom Keks) und unschuldig ganz bestimmt nicht. Es ist eine wahre Bombe puren Manjars. Damit das Ganze wenigstens etwas Biss hat, hat man immerhin ein paar dünne Platten Teig dazwischen gepackt, sonst könnte man es ja gleich löffeln.Chilenito (© Lena Labryga / Weonlandia)

Chilenito(© Lena Labryga / Weonlandia)Auch wenn Manjar manchmal auf den ersten Blick nicht gleich ersichtlich ist, sollte man vorsichtig sein, ist man kein Liebhaber des klebrigen Süß. Denn es versteckt sich zu gern in jeglicher Form von Teig als dessen Füllung.

Schlägt einem zum Beispiel als Deutsche das Herz plötzlich höher, weil man ein Stück Heimat in Form eines Berliners gefunden hat, will genüsslich reinbeißen und fragt vorher noch, welche Marmelade sie hier hineintun so kommt einem ein fragender Blick entgegen – Marmelade? Da ist Manjar drin. Natürlich. Was sonst!

Manjar bekommt man in jedem Supermarkt, von kleinen Päckchen bis hin zum 1 Liter (!!) Pack. Der Ignorant unter uns könnte nun meinen, Manjar sei Manjar, Unterschiede gibt es nicht, doch wird er schnell eines Besseren belehrt, wenn er vor einer ganzen Regalreihe verschiedener Anbieter in verschiedenen Verpackungen steht. Man müsste wohl alle einmal durchprobieren, um herauszufinden, was die Unterschiede sind, doch verzeiht, das könnte Schreiberlings Geschmacksnerven durchbrennen.
Für die an Laktose Leidenden unter uns hat die Manjarindustrie Gott sei Dank auch eine Lösung – den 1 Liter Pack lactosefrei. Auf Manjar soll wirklich niemand verzichten müssen…


Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass die Chilenen nicht die ganze Zeit wie aufgekratzt durch die Gegend rennen, bei der Menge an Zucker, die sie zu sich nehmen. Das könnte wiederum daran liegen, dass sehr viele von ihnen bereits im Kindesalter recht üppig ausfallen, was wiederum das behände Bewegen etwas erschwert.

Chile ist das Land, das am meisten Cola zu sich nimmt. Noch vor den USA. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Man trinkt zum Mittagessen Cola, zum Abendessen auch. Wird man gefragt ob man einen Saft möchte, sollte man lieber erst mal sicher gehen, was genau sie damit meinen, denn manch einer versteht unter Saft einen der zuckrigen, teilweise ja tatsächlich fruchtig schmeckenden Softdrinks.  Diese bekommt man hier gleich im 3er Pack, von jeder Sorte einen dabei, 3 Liter pro Flasche. Praktisch, das reicht dann gleich für die ganze Familie.
Die anderen Säfte die man kaufen kann sind meistens Nektare, die mehr nach Zucker als nach Frucht schmecken, was einen ehrlich verwundert, verfügt dieses Land doch über riesige Flächen an herrlichen Obstplantagen aus denen man literweise leckeren Saft pressen könnte. Diesen gibt es, wenn man sucht, doch zu unverschämten Preisen, so dass man am Ende dann wirklich lieber darauf verzichtet, denn das Durchschnittsgehalt erlaubt es dem Durchschnittschilenen (und auch dem Durchschnittsdazugezogenen) schlicht und einfach nicht.

Zur Nachmittagstorte oder dem kleinen Sortiment an mit Manjar gefüllten Keksen trinkt man dann zur Abwechslung mal keine Cola sondern Tee oder Kaffee. Doch diesen, wie könnte es anders sein, gesüßt mit Zucker, dass einem der Teelöffel eigentlich drin stehen bleiben müsste. Da man auch hier inzwischen so langsam eingesehen hat, dass das auf Dauer nicht gesund sein kann, hat die größte Zuckerfirma nun Stevia in Flüssigform auf den Markt gebracht und die Haushalte damit überschwemmt. Statt drei Löffeln Zucker kippt man sich nun 10 Tropfen Stevia in den Tee oder Kaffee. Das hat dann letztlich wahrscheinlich einen ähnlichen Effekt, aber man kann sich immerhin besser fühlen.

Wen wundert es bei alldem, dass die Rate an Diabetes erkrankten Chilenen extrem hoch ist. Es ist eine wahre Volkskrankheit, aus der sie nur schwer herausfinden, sind doch meist die Eltern das Exempel für ihre Kinder, was Ernährung angeht. Doch wenn diese ihre Gewohnheiten bereits von ihren Eltern haben, wer kann dann von ihnen verlangen, dass sie sie ändern?!

Das Ministerium für Gesundheit hat daher nun eine Art schwarze Stoppschildsticker entwickelt, die auf alle verpackten Nahrungsmittel gepappt werden.
Sticker (© Lena Labryga / Weonlandia)Vielleicht wird es wenigstens in ein paar Chilenen etwas ändern, wenn sie zur Cola oder der Schokolade greifen und ihm drei Warnschilder entgegen schreien. Es könnte aber auch sein, dass sie irgendwann einfach nicht mehr gesehen werden und jeder seinen üblichen Kauf- und Essgewohnheiten nachgeht.

 

Auf eines werden sie jedenfalls ganz bestimmt nie verzichten, egal welche Sticker und welche Warnungen man drauf klebt, denn er gehört zu Chile wie die Palta auf dem Brot – den süßen, cremigen, in allem enthaltenen, oftmals in Verbindung mit einem genüsslich dahin schmelzenden Blick, so heiß geliebten Manjar.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s