Ja, wo sind wir denn hier eigentlich?

Da ist dieser wirklich schmale Streifen Land, der sich an die Anden schmiegt, als würde er sich vor dem Pazifik schützen wollen. Den man auf der Weltkarte fast übersehen könnte. Von dem viele nur wissen, dass er in Südamerika liegt, neben der großen Landfläche, die sich Argentinien nennt. Und wenn sie ihn das erste Mal besuchen wollen, entstehen die wildesten Reiseideen, die sie dann den Menschen entgegenbringen, die im Tourismus arbeiten und deren Reise planen sollen. Es kommen Wünsche auf wie: wir wollen mit dem Schiff von Santiago auf die Osterinsel fahren. Oder man würde gerne innerhalb von einer Woche in die Atacama Wüste, den Torres del Paine Nationalpark und auf die Insel Chiloé reisen. Fragen werden gestellt wie: Warum regnet es eigentlich so viel im Süden, wenn in Santiago doch so oft die Sonne scheint? Oder man wird gefragt, wieso einem kalt ist, man sei doch in Südamerika.
Es ist also schön, über das Asado zu schreiben, die Farben in der Atacama Wüste zu beleuchten oder die Seenregion glänzen zu lassen, aber was nützt dies alles, wenn ein paar grundlegende Dinge ungeklärt sind? Es ist also an der Zeit, ein paar Mythen aufzudecken und vor allem eine grundsätzliche Frage zu klären – ja, wo sind wir denn hier eigentlich?

Wir befinden uns im Flugzeug, der Flugkapitän hat gerade durchgesagt, dass wir uns bitte auf unsere Plätze begeben sollen, denn wir setzen zum Landeanflug an. Wir blicken nach draußen und fragen uns, wo genau er landen möchte. Unter uns liegen die Anden, Gipfel über Gipfel bis zum Horizont, zum Anfassen nah, kraftvoll, majestätisch. Manch ein Gipfel schneebedeckt, ein anderer  glatt geschliffen, der nächste tief durchfurcht. Unglaublich beeindruckend, von einer Landefläche jedoch keine Spur. Doch kaum haben wir die letzte Kante überflogen, geht es plötzlich zielgerichtet nach unten. Erschreckend und beruhigend zugleich, küsst doch bereits nicht einmal 100 km weiter der Pazifik die Küste.

Dieses Land ist unglaublich schmal, gelegen zwischen Anden und Pazifik mit einer durchschnittlichen Breite von gerade mal 177 km. Seine gesamte Oberfläche ist so von Bergen durchfurcht, dass gerade einmal 20% davon flach sind.

Einen riesigen tonnenschweren Vogel hier entsprechend auf den Boden zu bringen, will wahrlich gelernt sein. Doch wir können aufatmen, unser Pilot hat es gelernt und so setzen wir schließlich dort auf, wo alle Flugzeuge zum ersten Mal ihre Räder über chilenischen Boden rollen lassen – Santiago, Hauptstadt und Knotenpunkt Chiles.

Santiago ist nicht nur Zentrum des Landes aufgrund seiner Größe und Bevölkerungsdichte, sondern auch geographisch gesehen, zumindest was das Festland angeht. Wir befinden uns hier auf der Südhalbkugel, genaugenommen auf geographischer Höhe von Kapstadt, Südafrika. Dort wo der afrikanische Kontinent endet, zentriert sich das chilenische Land. Vom Äquator sind wir hier also Breitengrade entfernt, so dass es gar unmöglich ist, sich in tropischem Klima wiederzufinden. Chile vereint so viele Klimazonen, wie kein anderes Land, die rein tropische gehört jedoch nicht dazu.
Im Norden brennt die Sonne auf den trockensten Wüstenboden der Welt, im Zentrum lieben die Weinreben die kühlen Nächte und die heißen Tage, während im Süden die dichten feucht-kalten Regenwälder langsam durch Steppe und bläulich schimmernde Gletscher ersetzt werden. Und dann liegt da noch dieser winzige kleine Fleck auf der Weltkarte mitten im Pazifik, tausende Kilometer vom Festland entfernt – die Osterinsel, auf der man aufgrund ihrer Lage tatsächlich subtropisches Klima vorfinden kann. Doch diese Insel ist nicht die einzige: im Süden, unterhalb von Puerto Montt liegt ein besonderes kleines Stück Land im Pazifik – Chiloé, auf der es mehr als 300 Tage im Jahr regnen soll. Eine andere Perle, die ebenfalls zu Chile gehört, von der die wenigsten jemals gehört haben, ist, wie der Name schon sagt, eine wahre Schatzinsel – Robinson Crusoe, etwa auf derselben Höhe wie Santiago gelegen und deren Klima als ozeanisch beschrieben wird. Und dann wäre da noch der ewig weiße Kontinent, der seine Spitze wie eine Hand nach dem südamerikanischen Kontinent ausstreckt – die Antarktis. Ja, sie gehört ebenfalls zu Chile.

Wir sehen also, dieses Land ist riesig und hat weitaus mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Entscheidend in diesem Land sind seine Entfernungen, die erklären, wie es so viele unterschiedliche Klimazonen geben kann. Die wenigsten können sich eine wirkliche Vorstellung von ersteren machen, ist es doch schwierig sie einzuschätzen.

Chile erstreckt sich auf über 4.000 km in die Länge und das, ohne die Antarktis mit zu zählen. Aber was sind 4.000 km genau?

Nehmen wir diesen schmalen Streifen für einen Moment von seiner gewohnten Lage, drehen ihn einmal um seine Achse, aufgrund der umgekehrten Klimazonen und legen ihn auf die Nordhalbkugel, genaugenommen mit seinem Ende nach Nordeuropa, Kopenhagen. Folgen wir dem Streifen nun bis zu seiner Spitze kommen wir wo an? Richtig, im Zentrum Nigerias, mitten in Afrika. Wie es also möglich ist, dass sich in ein und demselben Land die trockenste Wüste der Welt und ewige Gletscher befinden können – aus genau demselben Grund, warum es in Kopenhagen schneien kann, während in Nigeria die Sonne vom Himmel brennt. Wie kann es also auf Chiloé so viel regnen, während sich in Santiago nur in bestimmten Monaten des Jahres der Himmel verdunkelt? Weil über 1.000 km dazwischen liegen. Weil es genau zur selben Zeit in Berlin regnen kann, während in Venedig die Gondeln bei Sonnenschein durch die Kanäle treiben. Oder in Luzern Schnee liegt, wenn in Tunis die Sonne wärmt.
Wer also mit dem Schiff von Santiago auf die Osterinsel reisen möchte, sollte zwei Dinge beachten: 1. Santiago liegt nicht am Meer, auch wenn es auf der Weltkarte eventuell den Anschein erwecken könnte. Es liegen immerhin knapp Land 100 km dazwischen. 2. Die Osterinsel liegt ca. 3.770 km vom Festland entfernt. Das wäre also in etwa so, wie wenn man, wenn es geographisch möglich wäre, mit dem Schiff von Kopenhagen bis nach Nigeria fahren wollte.

Der Mythos, dass in ganz Südamerika immer die Sonne scheint und es stets tropisch warm ist, sollte also hiermit aufgedeckt sein. Sehen wir uns die Geographie aber noch unter einem anderen Aspekt an, der uns helfen kann, dieses Land noch ein wenig mehr zu verstehen. Es ist ein äußerst Seismisches, in dem es täglich bebt, wo Tsunamis auf die Küste treffen und Vulkane in die Höhe spucken. Wieso das so ist?
Wir steigen aus dem Flugzeug und sehen sie direkt vor uns. Gerade noch über ihnen, türmen sie sich nun wie eine riesige Wand auf – die Anden.

Um so etwas zu erschaffen, braucht es unglaublich viel Kraft. Und zwei Erdplatten, die sich genau vor der Küste des chilenischen Landes untereinander schieben und so diese riesige Gebirgsmasse sich haben aufwölben lassen.

Und da die Erde, wie wir wissen, nie ruht reiben diese Platten immer wieder aneinander. Diese Kraft ist hier fast täglich zu spüren. Und manchmal ist sie so stark, dass sie sich in Form eines Vulkanausbruchs entladen muss. Über 2.000 Vulkane gibt es in Chile, von denen noch ca. um die 50 aktiv sein sollen, über die genaue Zahl ist man sich nicht wirklich einig. Wie auch, schlafen so manche schon seit Jahrhunderten. Die Natur in Chile zeigt sich also nicht nur in ihrer äußeren Schönheit, sondern man kann sie auch deutlich spüren.

Wir nehmen den Bus vom Flughafen in die Innenstadt und so mancher wird nun staunen, wenn er in die ersten chilenischen Gesichter auf den Straßen blickt und feststellt, dass nicht alle von ihnen dunkelhäutig und schwarzhaarig sind. Ja, auch dieser Mythos existiert. Zuerst einmal sollte gesagt werden, dass es einfach nicht DEN Chilenen gibt. Anders als vielleicht andere südamerikanische Völker, denen man ihre Herkunft anhand ihrer spezifischen Gesichtsform eher ansieht, erkennt man den Chilenen dagegen, wenn er den Mund öffnet und sein Spanisch zum Besten gibt. Was das Äußere angeht, gibt es hier fast alles. Das Einzige, was man vielleicht etwas stereotypisieren könnte, ist, dass die Menschen gen Süden kleiner und dunkler sind und dass die meisten Chilenen tatsächlich eher dunkles Haar haben. Was aber selbstverständlich ebenfalls nicht auf alle zutrifft.

Chile ist ein Land der Einwanderer. Es fing mit den Spaniern an, die das Land vor 200 Jahren invadierten, viele indigene Völker ausgelöscht, sich mit anderen gemischt haben.

Es folgten Araber, Deutsche, Argentinier, Kolumbianer, Peruaner, Palästinenser und so manche mehr. Viele Chilenen würde man auf den ersten Blick daher eher spanischer oder arabischer Nationalität zuordnen, manch blonden großen dagegen eher einem Deutschen, doch es sind alles Chilenen.
Gerade in Santiago fällt man in vielen Vierteln (bei denen es sich allerdings eher um die Reicheren handelt) als Blonde nicht wirklich auf. In anderen dagegen, wird man mit Komplimenten überhäuft, weil man so exotisch erscheint. Es gibt also auch hier wieder viele Kontraste.

Und während unser Bus durch die Stadt fährt, verstehen wir so langsam, wo wir hier angekommen sind. Und dennoch fällt es uns schwer, diese Komplexität zu begreifen. Dass sich all das in ein und demselben Land befindet. Wir werden durch die trockenste Wüste der Welt laufen, einen der weltbesten Weine kosten, in einer hoch modernen Metropole durch die Straßen ziehen, auf Chilenen treffen, die so weiß und blond sind, wie wir selbst und andere die so ganz anders aussehen als wir. Wir werden durch dichte grüne Wälder wandern, in denen über tausend Jahre alte Bäume stehen, an der Küste das Salz des Meeres auf den Lippen schmecken und auf Chiloé im Palafito sitzen. Wir werden auf Gletschern laufen, die sich unter unseren Füßen bewegen und die Gesteinstürme im Torres del Paine Nationalpark bestaunen, während der Schnee auf ihre Kuppen fällt. Wir werden Menschen treffen, die so reich sind, dass sie sich mit Zäunen und Alarmanlagen schützen müssen und Menschen, die so arm sind, dass sie am Rande der Stadt in Holzbarracken leben. Zwei Dinge werden uns dabei stets begleiten, egal wo wir in diesem Land sind – die Anden auf der einen Seite und das Meer auf der anderen.
Es ist schwer, sich nicht in diese Schönheit des Landes zu verlieben. Sich nicht den Atem rauben zu lassen, wenn man vor einem Vulkan steht, dessen Kuppe schneebedeckt ist und dessen Bild sich im riesigen See an seinem Fuße spiegelt. Die Freudentränen zu unterdrücken, wenn man Zeuge des Sonnenuntergangs in der Atacama Wüste wird.

Wer die Natur liebt, sollte dieses Land zumindest einmal in seinem Leben besuchen. Das Land, das vor Kontrasten nur so strotzt – Chile, wo die Erde endet.

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