Das Asado – Grillen ist gar kein Ausdruck

Das Asado. Übersetzt bedeutet es so viel wie »Gegrilltes«, was in diesem Falle als wahrlich untertrieben empfunden wird. Denn das Grillen, wie es gerne bei uns praktiziert wird, hat mit dem Chilenischen eigentlich nur eines gemeinsam – das Fleisch. Was macht den Unterschied?

Denken wir an das Grillen, das in deutschen Gefilden allzu gerne praktiziert wird, so könnten wir uns schnell in folgender Szene wiederfinden:

Reihenhaus Nummer dreihundertachtundsiebzig. Wir schauen auf die Uhr – zehn Minuten zu spät, hoffentlich sind sie nicht sauer. Wir klingeln. Herta (ja, wir packen die Stereotypen jetzt mal aus) öffnet uns strahlend die Tür. Aus ihrem Munde ertönt ein trällerndes »Da seid ihr ja endlich. Hermann ist fast fertig mit dem Fleisch.« Wir begrüßen Herta mit Küsschen, überreichen die gute Flasche Wein, für die sie sich ausschweifend bedankt und betreten das wohlige Heim. »Gemütlich habt ihrs hier« (wie wir wissen ist das Lob an den Deutschen, ein gemütliches Heim zu haben, wie Balsam auf seiner Seele). Wir begeben uns durch das wohlige Heim bis hinaus in den Garten. »Und da ist er auch schon, der Grillmeister« Freudig begrüßen wir Hermann, der tatsächlich das Fleisch schon so gut wie fertig gegrillt hat, in der einen Hand die Grillzange, in der anderen ein kühles Bierchen. Ach und die rot-weiß gestreifte Grillschürze darf natürlich nicht fehlen. Der Gartentisch ist eingedeckt mit den buntesten Salaten, Grillsaucen. »Ich hab nen neuen Dip ausprobiert, kalorienarm versteht sich« verkündet Herta mit stolzem Blick, während sie uns zu Tisch bittet. Die gelben Sitzpolster in den braunen metallenen Gartenstühlen leuchten farbenfroh und wir lassen uns zu gerne in den weichen Plüsch fallen. Dann kommt auch schon Hermann mit der Jena-Schale voller Würstchen und Steaks, die er auf unsere Teller verteilt, dann lässt er sich in den Sessel am Kopfende fallen und trinkt einen kühlen Schluck Bier. »Herrlich dieser laue Sommerabend, was?« Wir stimmen ihm nickend zu, füllen unseren Teller mit den unterschiedlichsten Salaten, hier ein Tupfer Dip, da ein Tupfer Grillsauce und beißen in unser knackiges Würstchen…

So oder so ähnlich könnte eine typisch deutsche Grillszene aussehen. Begeben wir uns nun nach Chile. Das Grillen ist hier weitaus mehr, als ein gemütlicher lauer Sommerabend. Es ist ein stundenlanger Akt, bei dem es eigentlich mehr um das Zusammenkommen geht, als um das Grillen selbst. Das Asado verkörpert mehr, als Grillsaucen (die man hier vergeblich suchen wird), Dips und Würstchen, die man in metallenen Gartenstühlen mit weichen Sitzpolstern zu sich nimmt…

Wir sind eingeladen zum Asado (wir werden eigentlich immer zu einem Asado eingeladen, wenn wir eingeladen werden.) Um zwanzig Uhr. Also so gesehen um einundzwanzig Uhr. Einundzwanzig dreißig wäre auch noch ok, aber wir wollen es ja nicht übertreiben. Unsere innere deutsche Uhr schreit förmlich seit einer halben Stunde, wir sollen uns dringend zurecht machen, die neue chilenische dagegen entspannt noch auf der Couch. Nach einem harten innerlichen Kampf schaffen wir es mit Mühe das Haus um zwanzig dreißig zu verlassen. Auf dem Weg wird noch schnell ein Wein besorgt (Getränkte bringt in der Regel jeder selbst mit), dann stehen wir schließlich um einundzwanzig Uhr vor der Tür. Pablo öffnet diese schwungvoll. »Schön, dass ihr da seid.« (Pablo spricht natürlich kein Deutsch, sondern für unsere Ohren ein äußerst wildes Spanisch, was ungefähr klingen könnte wie: Weón, weeeena, cómo estai?!, doch für das deutsche Leseverständnis lässt Schreiberling Pablo mal Deutsch sprechen). Wir betreten das Innere und begeben uns gleich wieder nach draußen (allzu viele Worte verliert man hier nicht über das Heim) in den Hinterhof. Klein aber fein. Und, welch Überraschung – wir sind die ersten. (Hätten wir uns mal nach der chilenischen Uhr gerichtet!) Bis auf seinen Mitbewohner ist noch niemand da. Und dieser (Mauricio) zählt somit nicht. »Bier? Wein? Was kann ich euch anbieten?« Wir entscheiden uns für den Wein, den wir mitgebracht haben. Pablo verschwindet im Inneren auf der Suche nach einem Korkenzieher und Gläsern. Wir betrachten den Hinterhof und Mauricio. Dieser wedelt mit einem Pappkarton vor dem Grill, Rauch steigt auf, die Kohle muss erst noch zünden. Wer jetzt erwartet hat, dass das Fleisch schon fertig ist, der kommt bitteschön nicht schon um einundzwanzig Uhr!
(Hier sollte jedoch kurz erwähnt werden, dass der Chilene zu den wahrscheinlich pünktlichsten Südamerikanern gehört. Wenn es zum Beispiel um berufliche Termine geht, dann wird die Zeit auf die Minute, nach deutschem Vorbild sozusagen, eingehalten. Auch hier ist Unpünktlichkeit nicht gerne gesehen. Wenn es aber um private Feiern oder Einladungen geht, da wird der Chilene sehr gerne wieder südamerikanisch. )
Während wir also an unserem Weinglas nippen, uns dabei mit den Bewohnern des Hauses unterhalten und hoffen, dass uns der Alkohol nicht allzu schnell zu Kopfe steigt, trudeln nach und nach die anderen ein. Eine gute Stunde später liegt dann auch das Fleisch auf dem Grill. Pardon – eine gute Stunde später liegen dann auch die Massen an Fleisch auf dem Grill. Wenn wir dachten, dass wir in Deutschland schon viel Fleisch essen, dann sollten wir dies beim Anblick eines chilenischen Grills überdenken. Dieser wird so sehr gefüllt, dass eigentlich kein Metall mehr zu sehen ist. Sollten Männer das Asado organisieren, kann man sich auch sicher sein, dass nicht ein Stück von etwas Gemüseartigem über dem Feuer brutzelt. Sollte eine Frau mitmischen (selbstverständlich nur im Hinblick darauf, was die Zutaten angeht, am Grill selbst hat sie bitte nichts zu suchen, da sind sich die chilenischen Männer wahrscheinlich so einig wie die Deutschen), dann findet man auch das ein oder andere Gemüse. Sehr beliebt und wahrlich lecker – Paprikahälften, die mit einem rohen Ei gefüllt werden, das durch die Hitze von unten langsam gart.

Das Fleisch wird während des Grillvorgangs beinahe in Salz ertränkt, so dass es einen schon wundert, dass es immer noch saftig bleibt. Wie Schreiberling schon an anderer Stelle erwähnte, ist Salz unabdingbar in der chilenischen Küche und so darf es erst recht nicht beim Asado fehlen. Am liebsten das Grobkörnige, dass immer wieder über das Fleisch gestreut wird, so dass man bei manchen Asadomeistern anschließend nur noch am Wasserglas hängt (oder aber ein Glas Wein nach dem anderen kippt). Begonnen wird mit dem Choripan, was so viel heißt wie Wurst im Brot. (chorizo = Wurst und pan = Brot) Danach ist man eigentlich schon satt. Der Chilene dagegen hat erst angefangen. Der Abend ist noch lang und so auch das Asado. Wer dachte, wir setzen uns irgendwann an einen gedeckten Tisch, hat sich geirrt. Auch wenn das sicherlich bei einigen Familien vorkommen mag, wenn man bei Freunden eingeladen ist, kann man sich eigentlich sicher sein, dass es nicht dazu kommen wird. Der Abend besteht darin, um den Grill zu stehen, zu trinken, zu reden und immer wieder zu essen. Dafür sorgt der konzentrierte Asadomeister, der jedes Stück Fleisch, was fertig gegrillt ist, sorgfältig auf einem Brett in kleine mundgerechte Stückchen schneidet. Mit dem Brett in der Hand läuft er dann die Runde und jeder nimmt sich einen Happen. Bei manchen gibt es noch ein wenig Eisbergsalat und Tomate, aber das eigentlich auch nur, wenn Frauen bei der Organisation mitmischen. Und wenn es grade kein Fleisch zu essen gibt, kann man zwischendurch in eine der Schalen Chips greifen, die der Chilene ebenfalls zu lieben weiß.

Eine besondere Jahreszeit für das Asado existiert in Chile nicht. Während wir in Deutschland aufgrund des Klimas eher den Sommermonaten zugetan sind, wenn es um´s Grillen geht, wird in Chile zu jeder Jahreszeit die Kohle entflammt. Und das selbst im eisigen Patagonien. Hier legt man nicht nur Massen Fleisch auf den Grill, nein, es wird gleich ein ganzes Lamm aufgespießt und über dem offenen Feuer gegrillt. Ja, man sollte Fleisch mögen, wenn man in Chile ernährungstechnisch überleben will.
Was die Kälte angeht, so holt man einfach die dicken Jacken raus, mummt sich ein und wenn das Fleisch fertig gegrillt ist, nutzt man die Grillwanne, um ein kleines Feuerchen zu zünden, um sich daran zu wärmen. Sollte man als Deutsche in diesem Moment erwähnen, dass einem kalt ist, kann man sich entgeisterter Blicke sicher sein – aber du bist doch Deutsche, warum ist dir kalt?! Das auch wir ein Kälteempfinden haben, scheint für den Chilenen absurd, kommen wir schließlich aus einem Land, in dem es eine lange Zeit des Jahres doch recht eisig ist.

Wir können uns also sicher sein, dass wieder einmal ein Abend vergehen wird, an dem wir bis in die späten Nachtstunden hinein Fleisch in unseren Magen befördern, so ganz gegen jegliche Ernährungsregel (abends essen wie ein Bettler), gepaart mit Chips und abrundendem Wein. Ein Abend, der unseren persönlichen Fleischbedarf im Grunde für die ganze nächste Woche decken wird. Wären wir da morgen nicht bei Matias eingeladen – zum Asado versteht sich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s