Von Rebläusen, Salaten und purpurnen Tropfen

Etwas über den chilenischen Wein zu schreiben, könnte man gar als mutig bezeichnen, weiß man doch im Voraus, man wird ihm nicht gerecht. Man kann daher nur hoffen, dass gerade keiner von denen vor dem Geschriebenen sitzt, der es pflegt, seine Nase vor dem trinken tief in das Weinglas einzutauchen, danach bewusst einen Schluck zwischen den Zähnen durch schlürft, diesen dann auf dem Gaumen zergehen lässt, um danach mit kritischem Blick, die Farbe des Weines betrachtend, Worte von sich gibt, wie sanfter Abgang, rauchiges Aroma, vollmundiges Bouquet.
Aber dies soll ja auch keine Kritik über chilenischen Wein werden, das würde sich Schreiberling niemals anmaßen. Es soll eher ein kleiner Liebesbrief sein, an euch, liebe Chilenen und euren Wein.

Geliebte Chilenen,

wie schafft ihr es nur, Weine zu produzieren, die uns fast immer ein begeistertes Ooohh entlocken, die unser Gesicht in Erstaunen versetzen und einen anerkennenden Blick auf das Glas, aus dem wir gerade gekostet haben, fallen lassen, bevor wir noch einmal die Flasche inspizieren, aus dessen Innerem die fast purpurne Köstlichkeit in unser Glas floss? Bevor wir mal wieder sagen, dieser Wein ist besonders (was wir fast jedesmal sagen) und mal wieder den Hut ziehen, vor diesem feinen Tropfen? Ja, ihr mögt euch nun gebauchpinselt fühlen und euer Stolz mag noch ein klein wenig größer werden. (nicht dass unsere Meinung hier sonderlich viel zählt…) Aber das zu recht. Liebten wir bis vor kurzem noch die Spanischen Weine, erscheinen uns diese nun fast lau im Gegensatz zu euren Tropfen. Die Spanier hatten einst in der Zeit der Kolonialisierung ihre Weinanbaukunst (Kunst mag man sie kaum nennen, denn damals verstanden sie wahrlich wenig davon) in hiesige Gefilde gebracht. Hätten sie gewusst, welche Konsequenzen das mit sich bringen würde, hätten sie es sich vielleicht zweimal überlegt. Denn eins ist sicher, ihr seid über die Jahre um so viel besser geworden, dass die Spanier geradezu abstinken können. Nicht umsonst zählt man euch heute zu den Top-Produzenten der Welt. Ihr habt es sogar geschafft, dass sich bekannte Winzer aus dem Elsass, dem Loire Tal und dem Bordeaux mit euch zusammengeschlossen haben, um Weingüter zu gründen, die hochwertige Weine produzieren. Und das, wo die Franzosen doch nicht minder stolz sind auf ihren Wein.

Wahrscheinlich geht es vielen, die nach Chile gekommen sind, ähnlich – nachdem wir bereits vor unserem Leben in eurem wunderschönen Land Weinliebhaber waren, könnten wir in Chile tatsächlich süchtig danach werden. (die Betonung liegt auf könnten(!!)) Denn wenn einer etwas von Weinanbau versteht, dann wahrlich ihr. Man muss fast suchen, um einen tatsächlich schlechten Wein zu finden, denn es gibt einfach zu viele Gute. Besucht man einen hiesigen Supermarkt, um sich eine Flasche zu gönnen, steht man schnell vor mind. zwei Regalreihen, in denen sich eine Flasche an die andere reiht. Und das in einem kleinen Supermarkt. Betritt man einen der Großen (jene, in denen man gefühlte Kilometer laufen muss, um von einem Ende ans andere zu kommen, zugedröhnt wird mit dieser schrecklich hektischen Einkaufsmusik (glaubt ihr wirklich unsere Kauflust damit zu steigern?!) und sich zwischendrin permanent verirrt zwischen all den Türmen an Gaumenkonsum), so sind es nicht mehr nur zwei Regale, sondern eine ganze Abteilung. Man könnte nun sagen, das ist bei uns ja nicht anders, aber – hier sind sie tatsächlich alle regional bzw. national. Wer Wein aus dem Ausland sucht, der wird fast ergebnislos suchen müssen, kann sich dabei aber sicher sein, dass er sich keine Freunde unter euch machen wird. Wenn euch noch etwas in die Regale kommt, dann höchstens der Argentinier, zu dem man, das müsst ihr zugeben, jedoch ein äußerst gespaltenes Verhältnis pflegt. Man trinkt hier chilenischen Wein, was sonst. Für euch doch auch völlig unlogisch, einen ausländischen Wein zu trinken, in einem Land, das zu den besten im weltweiten Weinanbau gehört. (und in diesem Falle auch für uns äußerst unlogisch)

Fragt man euch, was ihr für die beste Weinsorte haltet, so antwortet ihr meistens mit Stolz erfülltem Blick: Carménère. Warum das? Ganz einfach. Ihr bezeichnet ihn als „euren Wein“. Und da ist es nur allzu logisch, dass ihr diesen für den besten haltet. Zugegeben, uns kam der Name anfangs zu Französisch vor, als dass wir euch Glauben schenken wollten, dass es euer Wein sein soll. (uns wird gerne eingetrichtert, man sollte den Südamerikanern nicht alles glauben, was sie erzählen, und ja, eine gewisse Skepsis wird auch nach einer gewissen Aufenthaltsdauer immer noch als sinnvoll empfunden) Um sicher zu sein, machen wir uns also im weltweiten Netz schlau und sind es dann bald auch: Der Carménère wurde ursprünglich in Frankreich angebaut. (HA!) Hier wurde die Traube jedoch so sehr von der gemeinen Reblaus geschätzt, dass diese es fertig brachte, die Sorte quasi in ihren Mägen verschwinden zu lassen. Hinzu kam, dass das Klima deutlich zu feuchtkalt war, was der empfindlichen Rebe Schaden zufügte. Man hatte den Namen dieser Rebe also so gut wie vergessen. Das führte dazu, dass eure chilenische Rebe anfangs mit dem Merlot verwechselt wurde. Doch als dieser Irrtum aufgeklärt wurde und man feststellte, dass es sich tatsächlich um Carménère handelte, erkanntet ihr eure Chance einen Wein fast exklusiv anbauen zu können. Denn ihr habt zum einen das geradezu perfekte Klima in der Zentralregion und zum anderen hat die Reblaus bis heute den Weg in euer Land nie gefunden. Ihr habt die Chance also genutzt und produziert heute einen so guten Carménère, dass Frankreich ihn heute wieder reimportiert. (Darauf stoßen wir zu gern mit euch an!)

Am meisten angebaut wird jedoch der Cabernet Sauvignon, wofür wir euch von Herzen danken mögen, ist er doch unser Lieblingstropfen. Kaum ein Wein schafft es unserer Meinung nach an diese Fülle von Aromen, an diese Vollmundigkeit und an den Faszinationsmoment, wenn man den ersten Schluck probiert hat. Man ist wahrlich überrascht, wie viele Geschmäcker ein Wein haben kann.
Rotweine sind tatsächlich die Sorten, die man am meisten in euren Regalen findet, was schlicht und einfach am Klima liegt. Weißwein produziert ihr auch sehr feine, wenn auch in wesentlich geringerer Auswahl, da dieser hauptsächlich in einem Weintal, dem Casablanca Tal, angebaut wird, da es das Klima hier erlaubt. Wen ihr allerdings ein wenig verärgert, sind die Roséliebhaber. Kaum einen haben wir bisher finden können. (letzteres bezieht sich auf den Wein, nicht den Liebhaber). Qualitätstechnisch findet man bei euch dagegen wahrlich alles – vom Tetrapack bis zum edelsten Tropfen, wobei man sagen muss, dass selbst der Tetrapack-Wein noch besser ist als unser Tetrapack-Wein (ja, ihr werdet euch nun erneut gebauchpinselt fühlen, aber es ist auch wahrlich nicht schwer, diesen zu übertreffen) Er ist sogar so schmackhaft, dass wir einst in die Falle getappt sind: zu Besuch bei der chilenischen Familie schenkte man uns einen Wein ein, den wir zwar recht fruchtig, doch nicht sonderlich süß fanden und ihn mit Sicherheit nie mit einem Tetrapack in Verbindung gebracht hätten, wurde er uns schließlich auch aus der Flasche eingeschenkt. Später fanden wir dann heraus, dass der Wein im Tetrapack gekauft wurde, jedoch per Trichter in eine bei anderer Gelegenheit geleerte Weinflasche umgefüllt wurde, da sich diese schöner macht auf dem eingedeckten Mittagstisch. (wie gesagt, Skepsis ist des Öfteren angebracht, nur bitte nicht zu viel davon!) Was die Familie am wenigsten wollte, ist uns zu hintergehen. Nein, sie stehen offen dazu, liegt es lediglich ein wenig an den Tiefen der Geldbörse, die es nicht erlauben, immer einen Flaschenwein zu trinken. Und da wir ihn dennoch recht genießbar fanden, fühlen wir uns auch nicht hintergangen, sondern im Gegenteil noch geschmeichelt, haben sie doch extra wegen uns den Wein umgefüllt. (der ein oder andere mag nun denken, wir sind völlig naiv, oder mag nun komplett an unseren Weinkenntnissen zweifeln, doch wir bitten darum, uns in diesem Glauben zu lassen.)

Das Schönste an eurer Weinkultur ist, dass man das Reisen mit dem Wein verbinden kann. Die meisten eurer Weingüter liegen im zentralen Chile in wunderschönen Weintälern gelegen, eingebettet zwischen Gebirgsketten auf sanften Hügeln. Fast ein jedes bietet ein kleines aber feines Restaurant, das jedes Herz höher schlagen lässt, das Liebhaber von gutem Essen und gutem Wein ist. Die Restaurants sind teilweise so modern und ästhetisch perfekt, dass es einem schwer fällt, sie unter dasselbe Landesdach zu stellen, wie die Holz- und Blechbaracken am Stadtrand Santiagos. Auch hier müsst ihr wieder zugeben, ihr seid ein wahres Land der Kontraste.
Die Auswahl an Weintouren ist riesig. Sei es direkt auf dem Weingut, oder wenn man nicht im Besitz eines eigenen Autos ist, auch mit Transfer organisiert. In Santiago kann man auch ganz auf ein motorisiertes Fahrzeug verzichten und eine Bike&Wine Tour unternehmen. Denn selbst in der Hauptstadt gibt es Weingüter, die man wunderbar per Rad erreichen kann. (nicht auszudenken, wenn wir in Deutschland solche Touren anbieten würden – schlangenlinienfahrend auf dem Nachhauseweg nach einer köstlichen Weinprobe. Die Führerscheine würden einer nach dem anderen eingezogen werden.)

Unsereins schmeißt ja gerne mal mit dem Sprichwort um sich, „in vino veritas“. Manch einer mag nicht mal verstehen, was es heißt, doch es klingt einfach unglaublich gebildet (schließlich kann man nicht alle Tage etwas auf Latein zitieren). Euer Sprichwort finden wir dagegen ehrlich gesagt jetzt nicht sonderlich gebildet-klingend, aber wir mögen es gerne schmunzelnd vernehmen, bringt es doch euer Verhältnis zu eurem Wein auf den Punkt: „Quién vino a Chile y no toma vino por qué chucha vino!“ („Wer nach Chile kam und keinen Wein getrunken hat, warum verdammt kam er dann überhaupt!“)
Noch schöner fanden wir jedoch dieses Schild auf einem eurer Weingüter im Casablanca Tal:

Entdeckt auf einem Weingut im Casablanca Tal (© Lena Labryga / Weonlandia)

Trinke Wein, denn eine große Geschichte hat noch nie mit einem Salat begonnen

Wo ihr Recht habt, habt ihr Recht…
So lasset uns nun das Glas erheben und auf euren Wein trinken! (und danken, dass die Reblaus noch nichts von eurer Existenz weiß.)

 Salud!

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