Wo Natur so spürbar mächtig ist – Región de los Lagos 3. Teil

Wo Vulkane Appetit auf Toblerone Schokolade auslösen

Wenn die morgendlichen Sonnenstrahlen auf das Wasser des Todos los Santos Sees treffen, dann verwandeln sie ihn ein in türkisfarbenes Meer. An den Ufern erstrecken sich wie fast überall in Chile Berge hinter Bergen, auf der linken Seeseite vor allem Vulkanspitzen die weiß glänzend in die Höhe ragen. Wäre da nicht der etwas laute Schiffsmotor könnte man meinen, man habe erneut ein Stück vom Paradies gefunden.

Wir verlassen Puerto Varas abermals gen Osten, vorbei am Calbuco Vulkan, durch Ensenada bis wir zu den berühmten Saltos de Petrohué, den Wasserfällen kommen. Es mag an der Kraft des Vulkanausbruchs liegen, dass die Hälfte der Wasserfälle nicht zugänglich ist, denn auch hier laufen wir über graue Vulkanasche und wie es scheint, hat so mancher Steg unter ihrem Gewicht nicht standgehalten, so dass das meiste gesperrt ist. Der imposante Blick von dem man so viel gehört hat, muss für uns daher heute wohl ausbleiben. Immerhin erhaschen wir einen kurzen auf einen kleinen Fall, die Begeisterung hält sich jedoch in Grenzen. Umso schöner ist der kleine Wald, der vor den Fällen liegt und durch den die Parkverwaltung hübsche kleine Wege gelegt hat. Die Sonnenstrahlen gleißen durch die Bäume, neben uns erhebt sich eine dicht bewachsene Gebirgswand und von Ferne hört man stets das Wasser rauschen. Zu unserer rechten leuchtet der Osorno mit seiner weißen Spitze vor dem wolkenlosen Himmel.

Verlassen wir diesen Ort und fahren weiter bis zum Ufer des Todos los Santos Sees. Hier erwartet uns unser Schiff, das uns heute einmal über den ganzen See bringen soll. Viele nutzen diese Strecke, um von Chile nach Argentinien zu kommen. Man überquert zuerst den Todos los Santos See, anschließend auf dem Landweg die Landesgrenze bevor man einen weiteren See auf der argentinischen Seite überquert und schließlich in Bariloche an Land geht. Wir wollen aber in Chile bleiben, die Landegrenze werden wir daher meiden. Die nächsten zwei Stunden, denn so lange dauert die Überfahrt und sagt recht viel aus über die Größe dieses Sees, lassen wir uns den Wind durch die Haare wehen, versuchen den leicht dröhnenden Schiffsmotor zu ignorieren und diese herrliche Landschaft zu genießen. Mit jedem Meter, den wir hinter uns lassen, eröffnet sich eine neue Bucht neben uns und gibt den Blick frei auf reine Natur. Keine Straßen, keine Häuser, nur Wald, Berge und Wasser. Wir treffen auf eine Gruppe Schweizer und kommen ins Gespräch. Diese sind nur minder beeindruckt von dieser Landschaft, die sie bis auf die Vulkanspitzen doch sehr an ihre Heimat erinnert. Und sie mögen Recht haben, es hat Ähnlichkeit, die teils kantigen Berge, die grünen Wälder, das Wasser. Vielleicht fühlt man sich auch deshalb so wohl, weil es einem irgendwie vertraut scheint?

Unser Blick fällt auf eine Vulkanspitze und mit einem Mal haben wir großen Appetit auf Toblerone Schokolade. Wir fragen uns, welche Synapsen in unserem Kopf falsch verknüpft sind, bis wir feststellen, dass die Assoziation so verkehrt gar nicht ist – der Vulkan Puntiagudo sieht aus, wie ein zweites Matterhorn. Spätestens jetzt geben wir den Schweizern schmunzelnd recht, beeindruckt bleiben wir dennoch.

Wer die Landschaft der Schweiz liebt, wird also auch diesen Flecken Erde in Chile lieben. Und jeder der die Schweiz nicht kennt, wird wahrscheinlich doppelt beeindruckt sein.

In Puella gehen wir schließlich an Land. Ein winziges Dorf, das letzte auf argentinischer Seite, das eigentlich nur vom Tourismus lebt. Was anderes gibt es hier auch nicht, denn weit und breit sind Berge und Wasser. Es besteht aus vielleicht fünf Häusern, einem Hotel, einem Wohnhaus für Guides und dem Grenzhäuschen für die Argentinier. Und aus purer Idylle, denn egal wohin man sieht, es breitet sich die pure Natur vor einem aus und würden die Touristen etwas weniger sprechen, dann würde man auch nichts weiter hören als das Rauschen des Wassers, das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Baumwipfel im Wind. Zur Bespaßung fehlt es nicht an Angeboten, man kann reiten, per Canopy durch die Baumwipfel rasen, in einem Geländewagen auf Safari gehen oder einfach per Fuß einen der Wanderwege erkunden. Wir wählen den Geländewagen, reiten war heute aufgrund der vielen Pferdebremsen leider aus, und fahren ein wenig weiter in die Natur hinein. Eine riesige Lichtung breitet sich vor uns aus, ein kleines Tal durch den ein Fluss strömt, keine Menschenseele weit und breit (bis auf die anderen Touristen im Wagen natürlich). Auf einem kleinen See steigen wir auf ein Bötchen und lassen uns durchs stille Wasser gleiten, lauschen der Stille und lassen die pure Luft durch unseren Körper strömen, bevor es zurück nach Peulla geht.

Da wir uns lieber das Geld eines teuren Mittagessens im Hotel sparen möchten, setzen wir uns draußen in die Sonne und genießen unser selbst zusammengestelltes Lunchpaket. Dabei beobachten wir die Touristen, die nach der Registrierung im Grenzhäuschen die ersten Schritte auf chilenischem Boden vornehmen. Mit neugierigen Blicken schauen sie um sich, als würden sie hoffen hinter der unsichtbaren Grenzlinie einen direkten Unterschied erkennen zu können, schließlich sind sie ja nun nicht mehr in Argentinien. Leicht verunsichert blicken sie dann auf die Brücke, auf der die Blonde mit ihrem Apfel in der Sonne sitzt. So haben sie sich die Chilenen aber nicht vorgestellt.
Verlassen wir die Brücke und laufen zurück zur Anlegestelle. Dort erwartet uns unser Boot, bereit abzulegen und seinen Kurs auf Petrohué zu lenken. Wir lassen unseren Blick ein letztes Mal über das idyllische Tal von Peulla gleiten, bevor wir an Bord gehen. Für erneute zwei Stunden werden wir uns den Wind durch die Haare wehen lassen. Dort wo wir uns selbst auf einem brummenden Schiff winzig fühlen, im Gegensatz zu den majestätischen Berghängen, den rauen Vulkanspitzen, den Tiefen des sich so langstreckenden Sees, die durch die tiefer stehende Sonne in ein nun warmes Licht getaucht werden. Dort wo Natur so spürbar mächtig ist.

3 Gedanken zu “Wo Natur so spürbar mächtig ist – Región de los Lagos 3. Teil

  1. 🔆Sigrid🔆 schreibt:

    Was für ein beeindruckender, lebendiger Bericht über eine wunderschöne Landschaft. Wirklich, ich bin total beeindruckt und wenn ich jetzt nicht wüsste, du beschreibst hier eine Region in Chile, wäre ich von den Fotos nie darauf gekommen. Na ja, ich kenne Chile ja auch nicht und werde wohl auch nicht mehr hinkommen in diesem Leben, aber die Fotos sind so fantastisch. Chapeau! Wenn ich den Vulkan anschaue, dann freue ich mich sehr auf den Ätna, den wir im März „besuchen“ wollen und unser letzter Vulkan liegt noch gar nicht so lange zurück, nämlich der „Teide“ auf Teneriffa. Er und die Landschaft dort haben uns wahnsinnig beeindruckt. Auch dort haben wir gespürt „wie mächtig die Natur ist“ und wir so unendlich unbedeutend und klein. Hier der Link zur Mondlandschaft Teide:
    https://aktiv60plus.wordpress.com/2015/10/11/teneriffa-einmal-wie-auf-dem-mond-fuehlen/

    Liebe Grüße ☼Sigrid☼

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    • lena schreibt:

      Danke liebe Sigrid! Du findest noch mehr Fotos aus der Region unter meinen Impressionen.
      Aber was heißt hier, wo du wahrscheinlich auch nicht mehr hinkommen wirst – da wäre ich mir mal nicht so sicher! Ich kenne viele, die gerade später erst mit dem Fernreisen angefangen haben, wer weiß also, vielleicht sehen wir uns eines Tages hier! 🙂
      Auf dem Ätna war ich auch mal zu Schulzeiten, das fand ich auch sehr beeindruckend. Ich bin gespannt, was du berichten wirst. Deine Bilder von der Mondlandschaft in Teneriffa gefallen mir gut, der Blick in den Krater ist toll!!
      Liebe Grüße zurück aus dem sonnigen Santiago

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      • 🔆Sigrid🔆 schreibt:

        Ich sag mal so, lieber würde ich Chile besuchen als Dubai 😀 Und man soll ja auch nie NIE sagen. Nur habe ich mich noch nie mit einer Reise dahin beschäftigt, aber das kann ja noch kommen..LG

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