Zwei zerborstene Särge, ein schattiges Plätzchen auf einem Grab und eine etwas ungewöhnliche Bitte an den Friedhofswärter

Der Tod ist etwas, das wir in unseren Gefilden als eine äußerst ernste Sache ansehen. Wir tragen schwarz, um unsere Trauer auszudrücken und die wenigsten haben, mal ehrlich, ein natürliches Verhältnis dazu. Am liebsten vermeidet man das Thema, ist es doch eher eine unschöne Sache, die uns vielleicht auch irgendwie Angst macht. In Chile dagegen, geht man damit irgendwie anders um. Auch wenn eine Totenumlegung nicht gerade zum Alltag gehört…

An einem Mittwoch in Rancagua. Die Sonne brennt bereits um zehn Uhr morgens vom wolkenlosen Himmel, es gibt kaum Bäume, die Schatten spenden könnten. Wir befinden uns auf dem Friedhof der Stadt, besser gesagt auf einem der beiden. Wände von Gräbern ragen neben uns in die Höhe, ein jeder hat sein kleines Quadrat mit dem das Grab zugemauert wurde und das mit Namen und Daten der dort Ruhenden an sie erinnert. Wie auf einem kleinen Fenstersims stehen teils Erinnerungen, teils Blumen davor. Den zentralen Bereich bilden die Gräber, die ähnlich wie in unseren Gefilden im Boden angelegt sind. Hier allerdings vornehmlich aus Steinplatten, eine aufwändige Bepflanzung eines Grabes findet man nicht, wahrscheinlich würde bei dieser Hitze aber auch jedes Blümlein eingehen. Außerdem ist es weitaus bequemer, man braucht nicht viel zu pflegen. Manche bevorzugen sogar Plastikblumen – praktisch, die blühen immer. Der bronzene Jesus auf dem Grabstein wird mit der Zitrone poliert, das erhält den Glanz. Das Fruchtfleisch wird anschließend einfach mit dem Blumenwasser abgewaschen, ebenfalls praktisch.
An einer Ecke steht ein Männlein, so hoch wie breit und meißelt mit einem Hammer und einem Meißel die Namen der Toten in den Stein. Das Geklopfe schallt über den halben Friedhof.

Man ist heute hier, um die Umlegung eines Familienmitgliedes hinter sich zu bringen. Das besagte Grab, in das der Tote umgelegt werden soll, ist ein Familiengrab, in dem Platz für fünf Särge ist. Hier liegen bereits die Großeltern, vor fünfzehn Jahren schieden sie aus dem Leben und ruhen nun hier für immer. Allerdings wird ihre Ruhe heute jäh gestört – man hat die schweren Steinplatten abgehoben, die das Grab zudeckten und vor einem klafft ein ca. 2 Meter tiefes Loch im Boden, ein glattes quadratisches aus Steinplatten. Drumherum stehen die Friedhofsarbeiter im Blaumann und schauen etwas ratlos ins Innere. Die Familienmitglieder, Mutter, Vater und Sohn blicken ebenfalls ins Innere, um zu verstehen, was das Problem ist. Die Särge sind geborsten! Und das, wo der eine sogar aus Metall war! Aber gut, sind ja auch schließlich fünfzehn Jahre vergangen. Und da der Holzsarg damals als erstes in die dunkle Kammer hinabgelassen wurde ist er unter dem Gewicht des metallenen Sarges über die Jahre wohl in der Mitte durchgebrochen. Die eine Hälfte steht quer nach oben, man möchte eigentlich auch gar nicht so genau hinsehen, sonst könnte man noch den ein oder anderen Knochen entdecken, das muss ja nicht sein.
Was soll man tun mit den ganzen Bruchstücken da unten? Hilft nichts, wir stellen den anderen Sarg nachher einfach oben drauf!
In diesem Moment treffen auch noch weitere Familienmitglieder ein, die erwachsenen Kinder des Toten mit ihren kleinen Kindern und die Exfrau des Verstorbenen. Alle in bunten Sommerklamotten, schließlich ist die Hitze kaum auszuhalten. Man begrüßt sich freudig, fragt nach dem Ergehen der Kinder, ja der Tote, tragisch, aber gehört zum Leben dazu, du liebe Zeit, was bist du groß geworden, mein Gott, diese Hitze!

Dann geht es auf, den Toten zu holen. Die Tragik dieser Szene, von der man in diesem Moment nicht weiß, ob man sie völlig skurril oder nicht doch etwas traurig finden soll, liegt darin, dass der Bruder der Familienältesten ein Vagabund war, der seit vielen Jahren das Leben unter freiem Himmel bevorzugte. Jegliche Hilfe der Familie hat er abgelehnt, hat sich abgewendet von seinen Kindern, seiner Frau, seiner Schwester, einfach allen. Und dann starb er schließlich vor zwei Monaten und wie das oftmals so ist, mit den Obdachlosen – man weiß nicht, woher sie kommen, also hat die Familie erst nicht von seinem Tod erfahren. Und da in Chile der Staat für jede Beerdigung aufkommt, egal wie viel Geld eine Familie hat, hat man sich auch um diesen Toten gekümmert und ihn auf dem namenlosen Teil des Friedhofs beerdigt. Zwei Monate später erfuhr die engste Familie von seinem Schicksal und beschloss, er solle trotz allem im Familiengrab ruhen. Also, raus aus der Erde, hinein in die Steinkammer.

Man läuft also über den halben Friedhof, um das Grab zu finden. Schließlich hat man es gefunden, die Friedhofsarbeiter haben schon halbe Arbeit geleistet und das meiste der Erde wieder ausgegraben. Das kann ja noch dauern, bis sie den Sarg ganz da rausholen, besser wir begeben uns mal in den Schatten, sonst holen wir uns noch einen Sonnenbrand. Wie praktisch, dass einige Familien in Dächer für die Gräber investieren, die geben wenigstens Schatten und erhitzen die Steinplatten nicht allzu sehr. Da kann man sich doch gleich mal hinsetzen. Wo sitzen wir denn hier? Ah ja, auf dem Grab von Familie Lopez. Nicht unbedingt das Bequemste aber immerhin schattig. Herrlich dieses Lüftchen, nicht? Hier lässt es sich aushalten, endlich etwas Schatten.

Und da kommen sie ja auch schon, die Blaumänner mit einem Besen und zwei Seilen. Dann wird in das Grab hinabgestiegen, um die Seile unterhalb des Sarges durch zufädeln. Mit viel Manneskraft wird er anschließend in zwei Versuchen schräg aus der Erde gezogen. Man mag kaum hinsehen, hat man das Gefühl, er könne gleich runter krachen und aufbrechen. Die zwei Monate und das Gewicht der Erde haben den Deckel ganz schön eingedellt. Die Erde wird mit dem Besen so gut es geht abgefegt.
– Kann ich ihn nochmal sehen?
Erschrockene Blicke werden in die Richtung geworfen, aus der die Frage kam. Die Exfrau möchte sich wohl versichern, dass er es tatsächlich ist. Nein, das geht leider nicht, antwortet der besenfegende Blaumann.

Wie beruhigend, dass sie auch in Chile einen Sarg nach zwei Monaten nicht öffnen. Die Enkel hätten ihren Großvater so zum ersten Mal gesehen, das Bild hätte sich wahrscheinlich in ihr siebenjähriges Hirn auf immer eingebrannt.

Dann wird bis drei gezählt und die Blaumänner heben den Sarg mit einem Ruck auf einen Karren, mit dem dieser über den halben Friedhof zurück zum Familiengrab gezogen wird. Dort angekommen wird erneut die Lage begutachtet, dann wird der Sarg langsam an den Seilen hinuntergelassen. Man kann nur froh sein, dass das Grab so schmal ist, ansonsten bestünde die Gefahr, dass der Sarg noch umkippt, schließlich gibt es keine gerade Fläche mehr da unten und dann wäre die Exfrau doch noch auf ihre Kosten gekommen. Aller werfen nochmal einen kurzen Blick hinunter, dann kommen auch schon wieder die Blaumänner und hieven die schweren Steinplatten auf das Grab. Es mag an der etwas gestörten Beziehung liegen, dass die Familienmitglieder recht trocken daneben stehen. Schließlich wird das so breite wie hohe Männlein geholt, das durch die Hitze schon ganz schweißgebadet ist. Er lässt sich erst mal auf dem gegenüberliegenden Grab im Schatten nieder und zückt sein Blöckchen. Es wird ihm der Name des Verstorbenen mitgeteilt, für umgerechnet zweiunddreißig Euro wird er auch hier den Namen mit Hammer und Meißel in den Stein hauen. Einen Durchschlag erhält die Schwester des Verstorbenen, sie hat schließlich alle Unterlagen. Dann werden die Blumen in die zwei Vasen verteilt und auf das Grab gestellt. Schön, wie der Jesus glänzt. Ja, die Zitrone macht´s! Kurzes betroffenes Schweigen, dann wird sich einmal fest gedrückt und verabschiedet. Möge er nun in Frieden ruhen.

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