Wo Natur so spürbar mächtig ist – Región de los Lagos 2. Teil

Im Neoprenanzug durchs Paradies

Das Paddel taucht in das türkisfarbene Wasser. Am Horizont erhebt sich die schneebedeckte Spitze eines Vulkans, der Himmel strahlendblau und plötzlich tauchen aus dem frischen Nass Rückenflossen auf, eine nach der anderen, bevor sie wieder versinken und wieder auftauchen. Delfine. Hier grinsen sogar die Tiere. Haben wir das Paradies gefunden? Es fühlt sich ein wenig so an…

Es ist früher Morgen in Puerto Varas. Die Luft ist noch kühl, die Wolkendecke am Himmel zeigt ihre ersten Risse. Wir wollen die Stadt heute in die andere Richtung verlassen, gen Osten, hin zum ersten Fjord Patagoniens. Es geht vorbei an langgezogenen Stränden am Ufer des Llanquihue Sees und grünbewachsenen Hügeln, auf denen Kühe weiden, während die Sonne die Wolkendecke immer mehr durchbricht. Zu unserer rechten erhebt sich der Vulkan Calbuco. Seine Kuppe zerfurcht, halb bedeckt von Schnee, eine kleine Rauchschwade zwirbelt in die Höhe.

Vulkan Calbuco (© Lena Labryga / Weonlandia)

Je weiter wir gen Osten fahren, desto höher wird die graue Vulkanasche am Straßenrand. Die Bäume versinken teilweise über einen Meter darin. Aus dem tiefen Schlund der Erde bedeckt sie nun ihre Oberfläche. Die Kraft der Mutter Erde – was sind wir dagegen?! Ehrfurchtsvoll blicken wir auf den Majestäten. Am schlimmsten war das kleine Örtchen Ensenada vom Ausbruch betroffen, das in Vulkanasche versunken war. Unsereins fragt sich, warum man auch einen Ort am Fuße eines Vulkans errichten muss. Der Chilene dagegen denkt nicht so weit. Er hat zudem schon so viele Naturkatastrophen erlebt, dass es ihm wahrscheinlich auch egal ist. Ob es nun unter einem wackelt, oder die Asche von oben kommt – egal was passiert, man lässt sich hier nicht unterkriegen. Es wird die Schaufel in die Hand genommen und alles wieder freigelegt. Heute, ca. acht Monate nach dem Ausbruch, geht alles wieder seinen gewohnten Gang, so als wäre nichts passiert. Die Leute wohnen immer noch hier und sollte der Vulkan wieder ausbrechen, dann wird eben wieder geackert.

Nachdem wir den Vulkan halb umrundet haben, dichte Wälder, durch die die morgendlichen Sonnenstrahlen gleißen, passiert haben, sind wir sind an unserem Ausgangspunkt angekommen und rüsten uns für unsere Tour. Wir wollen mit dem Kajak auf einer organisierten Tour durch den ersten Fjord Patagoniens ziehen, eintauchen in die mächtige Natur, uns klein fühlen. Das ist in Chile nicht besonders schwer. Man fühlt sich hier ständig klein im Gegensatz zur Natur. Doch in einer kleinen Plastikschale auf dem Wasser inmitten eines Fjordes an dessen Seiten sich dicht bewachsene Berghänge in die Höhe ziehen, bekommt das Gefühl klein zu sein noch ein zusätzliches Gewicht. Wir werden die Tour am unteren Ende des Petrohué Flusses beginnen, dessen Süßwasser schließlich in das Salzwasser des Fjordes mündet, der wiederum das Tor zum Pazifik ist.

Doch bevor es losgeht, müssen wir uns noch entsprechend ausrüsten. Zu einer Kajaktour gehört neben dem Kajak auch noch die passende Kleidung. Unser Bild mit lässig hochgekrempelten Hosen, barfuß und mit dem sportlichen T-Shirt, das wir heute Morgen noch extra rausgesucht haben im Kajak zu sitzen und sich das frische Wasser über die noch käsige Haut perlen zu lassen wird jäh durchbrochen, als wir uns tatsächlich bis auf die Unterwäsche entkleiden sollen, um uns in hautenge Neoprenanzüge zu quetschen. Sexy ist irgendwie anders, von lässig ganz zu schweigen. Wenigstens sind die Anzüge armfrei, so dass wir eine Chance auf Bräune haben. Das Outfit wird durch ebenfalls hautenge Wasserschuhe ergänzt (man will sich nicht ausmalen, wessen Füße darin schon alles steckten und auf die Frage mit stiller Hoffnung verbunden, ob man diese wirklich braucht, bekommt man ein ernstes auf jeden Fall! zu hören). Getoppt wird das Ganze durch den Wasserschutz, den man sich wie ein kleines Röckchen überzieht und der letztlich den runden „Eingang“ durch den wir in das Kajak steigen, verdecken wird, damit kein Wasser ins Innere gelangt. Zu guter Letzt wird sich noch die Schwimmweste übergezogen, so dass wir bald das Gefühl haben, uns gar nicht mehr bewegen zu können.

Modell mit Kajakausrüstung (© Lena Labryga / Weonlandia)

Mit dem Paddel unterm Arm staksen wir hinunter ans Flussufer, wo die Kajaks bereits im Sand liegen. Man kann die Schwalben, die über unsere Köpfe ziehen, lachen hören. Nach einer kurzen, wahrhaft kurzen Einweisung sitzen wir schließlich im Kajak, aus dem durch den Wasserschutz nur noch unser Oberkörper guckt. Wir werden von unserem Guide auf´s Wasser geschoben, der uns noch zuruft, wir sollen bitte in der Nähe bleiben, als sie uns auch schon erreicht – die kleine Panikattacke. Platzangst, was ist, wenn wir umkippen, wie kommt man hier wieder raus, gepresst in Neopren, eingeklemmt zwischen Plastik, das uns lediglich durch eine drei Zentimeter dicke Schicht vom Wasser trennt, in dem das Kajak und somit auch unser ganzer Unterkörper bis zur Hälfte versinkt. Man saß ja schon im Kanu, aber da sitzt man über dem Wasser. Hier sitzt man ja quasi mittendrin und wer weiß, was sich da unter einem alles tummelt. Man hat ja schon von der Eskimorolle gehört, aber wie sie funktioniert, hat einem auch noch niemand gezeigt. Und das mit in der Nähe bleiben klappt auch nur bedingt, denn die Strömung treibt uns recht schnell flussabwärts. Leichte Schnappatmung verbunden mit Herzklopfen hindert uns ein wenig daran, die Richtung des Kajaks zu kontrollieren, bis wir uns schließlich sagen – denk chilenisch, sprich: denk einfach nicht an jegliche Konsequenzen die dein Handeln gerade haben könnte. Genieße den Moment! Und siehe da, es funktioniert. Spätestens, wenn wir die Hand einmal durch das kühle Nass haben gleiten lassen, um festzustellen, dass es gar nicht so kalt ist und dank unserer zweiten Haut aus Neopren werden wir beruhigenderweise schon mal nicht erfrieren müssen, sollten wir kentern. Dazu werden wir aber wahrscheinlich auch keine Zeit haben, denn vorher sind wir ertrunken, weil wir kopfüber im Kanu feststecken werden, aber was soll´s. Wir werden immerhin noch denken können – ich hab vorher noch ein Stück vom Paradies kennengelernt. Denn das hier hat tatsächlich etwas davon. Das Wasser ist türkisfarben, um uns herum die pure Natur mit ihren grünbewachsenen Hängen, dahinter eine weitere Kette schneebedeckter Bergkuppen, Vögel zwitschern, das Wasser plätschert, die Luft schmeckt so frisch, dass wir das Gefühl haben, unsere Lungen damit zu reinigen, die Sonne strahlt vom Himmel, Ruhe. Wir fühlen uns klein und doch so wohl inmitten all dieser Schönheit.

Vergessen ist die Platzangst, mutig ziehen wir das Paddel durch das Wasser um uns noch mehr Schwung zu geben und den Fluss hinunter zu gleiten. Kurz vor der Mündung in den Fjord wird das Wasser noch einmal flacher, der Fluss wird kurvig und es zeigt sich die Geschicklichkeit eines jeden Kajakfahrers das schlanke lange Boot durch die Mäander zu führen. Wir dachten, wir wären einer von ihnen, ganz vorn mit der Geschicklichkeit und eben noch an der Spitze, schwungvoll um die Kurve gestochen, als es plötzlich einen festen Ruck gibt und wir nicht mehr im Wasser liegen, nein, wir sitzen auf Kiesel auf, unser Paddel in der Luft. Wir versuchen es mit ruckartigen Bewegungen unserer Hüfte das Kajak stoßweise von der Kieselbank runter zukriegen, doch kommen nur zentimeterweise weiter, während die anderen gemächlich an uns vorbei ziehen. Nicht mal fünfhundert Meter und wir liegen schon auf Land. Das kann auch nicht jeder… Damit wir uns nicht noch länger die Blöße geben, steigen wir schließlich ächzend aus dem schmalen Boot und ziehen es wieder per Hand ins Wasser. Den Kommentar unseres Guides, wie sinnvoll unsere Schuhe jetzt sind, ignorieren wir gekonnt, denn im Kopfe hat sich schon der Fußpilz ausgebreitet, doch insgeheim geben wir ihm Recht, ist das barfuß laufen auf Kies doch eher unangenehm. Zurück auf dem Wasser haben wir es dann schließlich auch geschafft und gleiten schnell aber sicher auf den Fjord. Um eine kleine Insel herum eröffnet sich schließlich der Blick auf einen schneebedeckten Vulkan am Horizont und der Fjord wird breiter. Und dann kommen sie, von fern gleiten sie durch´s Wasser, springen in die Höhe, ihre Rückenflossen blitzen im Sonnenlicht auf – Delfine schwimmen in der Ferne grinsend an uns vorbei. Man lässt in solchen Momenten automatisch alles andere aus den Augen, hält in seiner Bewegung inne, um dieses Bild in sich aufzusaugen. Frei und voller Energie verschwinden die Tümmler schließlich unter der Wasseroberfläche. Wir hoffen sie noch einmal zu sehen, blicken jeden Moment auf die Stelle an der sie verschwunden sind, doch es bleibt bei diesem besonderen einen Augenblick.

Nach ca. zwei Stunden haben wir uns eine Pause verdient. Noch sind unsere Arme zwar nicht müde, eventuell dank der Hanteln im Wohnzimmer oder einfach dank des momentan noch recht ruhigen Wassers, doch der Magen knurrt und ohne Energie paddelt es sich schwerer. Wir gehen an Land, ziehen die Kajaks in eine sichere Höhe, bevor wir den Hang hinauflaufen. Vor uns breitet sich weite Wiese aus, hier und da ein paar Bäume, blökende Schafe, ein dickes Schwein grunzt mit wackelnden Ohren, ein kleiner Hunde rennt freudig auf uns zu. Eine Henne, die glaubt sie sei eine Ente, gackert durch´s Gras, gefolgt von kleinen Entenküken. Man erklärt uns später, dass die eigentliche Mutter die Eier im Stich gelassen und schließlich die Henne diese ausgebrütet hat. Adoption geht in der Natur eben etwas einfacher.
Wir erreichen ein altes blaues Schindelhaus, in dem uns die Besitzerin ihre Gäste heißt. Sie lebt hier oben auf der Hangseite, weit und breit kein anderer Mensch, nur die Natur und ihre Tiere, die sich um das Haus scharen. Weg von hier kommt sie nur per Boot, eine Straße gibt es auf dieser Hangseite nicht. Der Blick ist fantastisch von hier oben, die Ruhe ebenfalls. Die pure Landidylle, wir haben sie gefunden. Die Gastgeberin verwöhnt uns mit frischem Tunfisch und Salaten, es werden ein paar Geschichten erzählt und man würde am liebsten ein paar Tage hier oben bleiben und das so ruhige Leben auskosten.

Doch es ruft uns der Fjord mit seinem türkisenen Wasser, wir wollen schließlich noch ein gutes Stück abwärts fahren. Wir verabschieden uns von Henne und Co und sitzen bald wieder im Kajak. Womit wir nicht gerechnet haben – inzwischen ist ein Wind aufgekommen, der zu unserem Nachteil direkt von vorne kommt. Das Wasser wirft Wellen und es kostet viel Armmuskulatur das Kajak überhaupt einen Meter nach vorne zu bringen. Die Wellen lassen das Kajak immer wieder mit der Spitze in der Luft hängen, bevor es anschließend vorne auf das Wasser klatscht, es spritzt uns frisches Meerwasser entgegen. Nach über einer Stunde nützen uns auch die Hanteln im Wohnzimmer nichts mehr, die Arme werden müde und jeder Zug durchs Wasser wird zum Kraftakt.
Dennoch vergessen wir nicht, den Anblick der sagenhaften Natur zwischendurch immer wieder wahrzunehmen. In den Buchten des Fjordes liegt so manches kleine Haus, idyllisch eingebettet an den Berghängen. Zwei Kinder ziehen am Flussufer einen Plastikkanister aus dem Wasser, ihre gebräunte Haut glänzt in der Sonne, ihre dunklen Augen verfolgen uns kurz neugierig, dann wird der Kanister genauer unter die Lupe genommen. Auf einer roten großen Boje in der Ferne döst eine dicke Robbe in der Sonne. Als wir uns nähern, lässt sie sich flugs ins Wasser gleiten und ist verschwunden. Durch den Wind perlt schließlich tatsächlich das Wasser über unsere Haut, rennt über den Wasserschutz des Kajaks, in dem sich langsam eine kleine Pfütze bildet. Unsere Lippen schmecken nach Salz, die Haare wehen im Wind, ein schmerzverzerrtes Lächeln breitet sich in unserem Gesicht aus. Wäre es nicht inzwischen so wahnsinnig anstrengend, würden wir am liebsten noch Stunden, gar Tage so weiter paddeln.

Mit dem Kajak durch den Fjord (© Lena Labryga / Weonlandia)

Man fühlt sich so winzig zwischen diesen riesigen Berghängen, so klobig neben den sich so behände bewegenden Robben und Delfinen und fragt sich, warum wir es nicht schaffen, mehr im Einklang mit dieser sagenhaften Natur zu leben, die so mächtig und gleichzeitig so fragil ist.

Mit dem Kajak durch den Fjord (© Lena Labryga / Weonlandia)

Der Guide empfiehlt uns, näher am Ufer zu paddeln, entlang der steinigen Uferhänge, an die der Wind nur wenig kommt. Doch das hilft nur bedingt. An jeder Böschung möchte man am liebsten eine Pause einlegen, doch hört man auf zu paddeln, treibt einen der Wind sofort zurück und man muss das Doppelte wieder vorwärts paddeln. Also beißt man die Zähne zusammen und zieht mit aller Kraft sein Kajak durch das türkisene Nass. Die Sonne steht bereits tiefer, als wir schließlich beschließen, eine Bucht früher unsere Tour enden zu lassen als geplant, der Wind hat uns zu viel Zeit gekostet und wir alle keuchen in unseren Kajaks. Somit gehen wir erleichtert an einem kleinen Kiesstrand an Land, ziehen unseren Körper mit der letzten Kraft, die in unseren Armen steckt aus dem schlanken Kajak und lassen unseren Blick schokoriegelmampfend ein letztes Mal über das Wasser, die kleinen Fischerboote, bis hinüber ans andere Ufer gleiten.

Blick auf den Fjord (© Lena Labryga / Weonlandia)

War das da eben eine Robbenschnauze? Ist der bärtige Zeitgenosse auf dem Weg in den Pazifik? Was mag er wohl denken, wenn er immer wieder auftaucht und sein Blick auf diese traumhafte Landschaft fällt? Was gäben wir darauf, ihn ein Stück zu begleiten, hinunter entlang des Fjordes. Er würde uns sicherlich viele Stellen zeigen können, die unser Herz noch höher schlagen lassen würden. Doch für heute ist unser Herz gefüllt. Gefüllt mir unvergesslichen Bildern einer ganz besonderen Natur. Und auch ein wenig vom Schmerz, der sich in unseren Armen breit macht.

Vor allem aber davon, dass man in Chile tatsächlich immer wieder Stellen findet, die menschenleer erscheinen. Wo Natur so spürbar mächtig ist. Und man das Gefühl hat, man hat ein kleines Stück vom Paradies gefunden. Auch wenn man sich dafür manchmal in einen Neoprenanzug quetschen muss…

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