Wo Natur so spürbar mächtig ist – Región de los Lagos 1.Teil

Ostseeschick und Schwarzwaldflair in Südamerika

Es ist Freitagabend in Santiago. Die Stadt kollabiert wie jeden Freitag um diese Zeit, die Straßen sind verstopft, die Metro zu voll, als dass man noch einen Quadratzentimer Patz finden würde, schon gar nicht mit großem Rucksack auf dem Rücken. Mit Mühe und Not finden wir im Verkehrschaos und Straßenlärm noch ein leeres Taxi, schmeißen unser Gepäck auf den Rücksitz und rufen eilig, wir müssen zum Busterminal. Es bleiben noch 25 Minuten bis zur Abfahrt des Busses, eigentlich schier unmöglich doch der Taxifahrer gibt sein bestes und rast durch die Straßen. Drei Minuten vor Abfahrt hält das Taxi vor dem Terminal. Soweit es mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken möglich ist, rasen wir durch diesen, um unseren Bus zu finden. Gebrüll an allen Ecken, Menschengedränge. Man bekommt das Gefühl, dass die Menschen am Freitagabend alle schnellstmöglich die Stadt verlassen wollen. Wir schaffen es gerade noch zum Bus, schweißgebadet (es hat knappe 28 Grad in der Sonne) und mit trockener Kehle. Den Rucksack drücken wir dem Steward in die Hand und steigen nach oben, bevor wir uns erschöpft in den weichen samtigen Sitz fallen lässt. Durchatmen.
Auch wir wollen die Stadt heute schnellstmöglich verlassen und dorthin fahren, wo uns eine sagenhafte Natur erwarten soll. Wo sich Vulkane, aus deren Schlund kleine Rauchschwaden zwirbeln, in riesigen Seen spiegeln, wo tausend Jahre alte Alercen über die Kronen der anderen Bäume ragen, wo sich Delfine in Fjorden tummeln und Seelöwen auf Bojen dösen. Und wo die Deutschen einst ein ganzes Gebiet besiedelten und deutliche Spuren hinterließen. Und wo die Deutschen einst ein ganzes Gebiet besiedelten und deutliche Spuren hinterließen. Zwölf Stunden Busfahrt liegen vor uns, über 1.000 km und das immer noch durch dasselbe Land. Zum Glück sind die Busse in Chile so komfortabel, dass man eine solche Fahrt gut aushalten kann. Wir verfolgen den Sonnenuntergang durch das Fenster, bevor wir den Sitz nach hinten stellen, uns zudecken und in mehr oder weniger tiefen Schlaf fallen.

Es ist sechs Uhr morgens, als das schwache Morgenlicht durch die Vorhänge des Busses fällt. Schieben wir diese zur Seite, fällt unser Blick auf eine sehr veränderte Landschaft. Alles ist grün, der Morgennebel hängt noch dick über den Wiesen, der Himmel ist wolkenverhangen. Keine Häuser weit und breit. Man möchte das Fenster aufmachen, um die sichtbar frische Luft einzusaugen, doch leider kann man sie nicht öffnen. Der Slogan von South African Airlines kommt einem in den Kopf- und über Nacht sieht die Welt ganz anders aus. Wir sind allerdings nicht über den halben Erdball geflogen, sondern lediglich ein verhältnismäßig kurzes Stück durch Chile gefahren, inzwischen aber in einer anderen Klimazone angekommen. Dann schließlich rollt der Bus durch die Straßen von Puerto Varas, wir sind angekommen. Mitten auf einem üblichen Parkplatz hält der Bus plötzlich, wer einen richtigen Terminal erwartet hat, ist hier fehl am Platz. Steigen wir also aus, nehmen den Rucksack entgegen und als der Bus wegfährt, stehen wir allein auf dem verlassenen Platz und es wird auf einmal ganz still um uns. Mitten in der Stadt, die eher wie ein Dorf erscheint, keine Menschenseele weit und breit, kein Verkehrslärm, kein Gedränge, die Luft lediglich ein wenig geschwängert vom Geruch nach verbranntem Ofenholz. Es ist kalt, wir ziehen die Winterjacke über. Land der Kontraste…

Sehen wir uns Puerto Varas ein wenig genauer an. Sie ist touristische Hauptstadt im Süden Chiles. Mit Sicherheit der meist frequentierte Ort der Seenregion, vor allem beliebt bei Aktivurlaubern, denn das Angebot der Region ist so vielfältig, dass wahrscheinlich mehrere Wochen nicht ausreichen, um alles zu erkunden. Zu Fuß, auf dem Pferd, im Kanu, beim Raften, mit dem Boot oder beim Canopy – es sind kaum Grenzen gesetzt. Sie liegt am Lago Llanquihue, dem zweitgrößten See Chiles mit einer Fläche von ca. 860 km². Er ist so groß, dass man an manchen Stellen das gegenüberliegende Ufer nur erahnen kann. Möchte man ihn einmal umrunden, muss man ungefähr 200 km zurücklegen.
Die gesamte Region um den See war bis Ende des 19. Jahrhunderts kaum bewohnt, so dass man bewusst deutsche Einwanderer angeworben hat. Man gab ihnen Land, um es zu besiedeln. Die Spuren sind bis heute nicht zu übersehen. Puerto Varas hat ein wenig was von einem süddeutschen Kurort – niedrige Schindelhäuser mit Spitzenvorhängen in den Fenstern säumen die Straßen, eine Kirche mit Vorbild aus dem Schwarzwald thront auf einem der Hügel, die Cafés bieten Kaffee und Kuchen, der Deutsche Verein hat seinen Sitz im Zentrum der Stadt, die Straßen im Zentrum sind auffällig sauber und geordnet, der Jack Wolfskin Laden reiht sich in das Angebot vieler Outdoorgeschäfte, die Kinder lernen an der deutschen Schule und es überrascht fast schon, dass man Spanisch sprechen muss, damit die Leute einen verstehen. Man kann sich etwas verwirrt fühlen, dachte man doch, man sei in Chile, es sieht aber aus wie daheim. Würde sich da nicht plötzlich der dichte Wolkenvorhang lichten und den Blick auf zwei Majestäten freigeben die Vulkane Osorno und Calbuco ragen erhaben in den Himmel.

Der Osorno mit seiner immer schneebedeckten runden Kuppe gleicht dem Mount Fuji in Japan. Das letzte Mal, als er ausgebrochen ist konnte Charles Darwin noch live darüber berichten. Er ruht also schon eine Weile, ist jedoch nach wie vor einer der aktiven Vulkane des Landes. Der Calbuco dagegen zeigte erst dieses Jahr all seine Kraft, als er am 22. April 2015 eine 15 Km hohe Aschewolke in den Himmel stieß, die der Wind bis nach Buenos Aires in Argentinien trug. Heute sieht man an manchen Tagen immer noch eine kleine Rauchwolke in den Himmel zwirbeln. Eine Seite der sonst schneebedeckten Kuppe ist pechschwarz. Das Gestein ist immer noch zu heiß, als dass hier Schnee liegen bleiben könnte und das nach sechs Monaten.

Verlassen wir Puerto Varas für heute und begeben uns auf dem Fußweg den See entlang hinauf gen Norden. Saftige Wiesen mit dösenden Kühen erstrecken sich über viele kleine Hügel. Grüne Wälder vervollkommnen das Bild einer deutschlandähnlichen Landschaft.

Wiese Seenregion (© Lena Labryga / Weonlandia)

Hügel am Lago Llanquihue (© Lena Labryga / Weonlandia)
Es ist ein klarer Tag geworden, etwas worüber man sich in dieser Gegend, von der man behauptet es regne an 360 Tagen im Jahr, freuen sollte. Wir haben also Glück. Überhaupt werden wir die ganze Zeit über, die wir hier verbringen werden mit Sonne und blauem Himmel verwöhnt. Man vermisst ihn fast ein wenig, den besagten Regen. Der Süden Chiles ist unter anderem bekannt für seine Bierbraukunst. Nicht überraschend, wenn wir an die deutsche Besiedlung denken. Aber nicht nur die Deutschen verstehen etwas vom Bierbrauen, auch ein US Amerikaner hat sich hier auf einem kleinen Hügel angesiedelt und seine eigene Brauerei eröffnet. Seinen alten VW Bus, mit dem er einst durch das Land zog hat er zum Büro umfunktioniert und auf nur wenigen Quadratmetern wird in einem kleinen Holzverschlag das Chester Bier gebraut. Wieder mal ein Beispiel dafür, dass wer eine gute Idee hat, sie in Chile leichter umsetzen kann. Die Marktfreiheit lässt hier viel Spielraum.

Chester Beer Brauerei (© Lena Labryga / Weonlandia)

Mit einem kühlen Bier in der Hand genießen wir nun den Blick auf den Llanquihue See und den Osorno und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen, in der Ferne glotzen die Kühe. Dann geht es am Seeufer weiter bis nach Llanquihue, einem kleinen Ort, ebenfalls am Ufer des gleichnamigen Sees gelegen. Viele kennen den Ort aus dem chilenischen Supermarkt und zwar von der Wursttheke. Ja, neben dem Bier darf natürlich auch nicht die deutsche Wurst in einer deutschbesiedelten Region fehlen und so haben einst die Nachkommen der Familie Strümphfelbach hier eine kleine Wurstfabrik eröffnet, die heute mit dem Emblem von Llanquihue das ganze Land mit Wurstsorten beliefert. Uns lässt die Wurst eher kalt, schließlich kennen wir sie von zu Hause nur zu gut. Daher laufen wir nun die Hauptstraße durch den kleinen Ort entlang, vorbei an der kleinen Schindelkirche, bevor wir den Arm ausstrecken und einen der kleinen blauen Busse bitten anzuhalten. Unsere Beine sind nach über vier Stunden müde geworden, das Bier hat seinen Teil dazu beigetragen, daher soll er uns mitnehmen bis nach Frutillar, dem nächsten Ort weiter nördlich am Seeufer gelegen.

Hat man als Deutsche bzw. Deutscher starkes Heimweh und mal wieder so richtig Lust, ein wenig Ostseebadfeeling zu verspüren, dann sollte man sich unbedingt nach Frutillar begeben.  Ist man jedoch nur als deutscher Tourist unterwegs, sollte man den kleinen Ort eher auslassen, denn man könnte gar enttäuscht sein, wie unsüdamerikanisch er ist. Während die Asiaten und Brasilianer begeistert vor meterhohen Gartenzwergen posieren, den niedlichen kleinen Fliegenpilz aus Holz am Straßenrand fotografieren, sich freudestrahlend vor dem Schild ablichten lassen, auf dem in großen Lettern geschrieben steht, dass Frutillar der Ort der Ordnung und Sauberkeit ist oder den Holzsteg im Ostseeschick entlang schlendern, kann man als Deutsche nur staunen, wie deutsch Chile sein kann.
Und damit wir es auch noch schmecken können, setzen wir uns in eines der ebenfalls niedlichen Cafés – Duendes del Lago – zu Deutsch: Wichtel des Sees und genießen zwischen meterhohen Wichtelfiguren einen Himbeerstreußelkuchen. Der Kuchen hat übrigens so sehr Einzug in Chile gehalten, dass die Chilenen die Rezepte samt Namen übernommen haben – der Kuchen ist daher auch im chilenischen Spanisch el Kuchen. Plural: Kuchenes. Der Chilene findet das jetzt durchaus logisch.

Anschließend bestaunen wir noch das neugebaute Theaterhaus Frutillars, im Gegensatz zu den anderen Gebäuden ein wirklich modernes Haus, schlendern die Seepromenade entlang, vorbei am metallenen Klaviermonument, das für die Kunst und Kultur in unserem Lande steht, zum Freilichtmuseum, dessen Gebäude einem Heim für Zwerge gleicht, bevor wir diesen wahrlich zu idyllischen und niedlichen Ort verlassen und mit dem kleinen blauen Bus zurück nach Puerto Varas fahren. Wenigstens in diesem kommt wieder etwas südamerikanisches Flair auf, wenn wir bei offenen Fenstern und lauter Cumbiamusik für ca. 70 Cent über die Autobahn rasen, als gäbe es kein Morgen mehr. Und wenn unser Blick dann noch auf die zwei Vulkane fällt, die theoretisch täglich ausbrechen könnten, braucht uns auch keiner mehr zu kneifen – wir sind tatsächlich immer noch in Chile.

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