Wer ist eigentlich dieser weón?

Kommt man zum ersten Mal nach Chile und möchte voller Stolz sein fließendes Spanisch zum Ausdruck bringen, wird man ziemlich schnell (genau genommen bereits bei der ersten Begegnung) völlig ratlos vor dem Chilenen stehen, der einem zum dritten Mal versucht zu erklären, was er meint, weil man das Gefühl hat, das ist doch kein Spanisch, was der da spricht. Das S wird schon mal gar nicht ausgesprochen, eigentlich wird auch gerne jegliche Endung verschluckt und Verben enden hier so wie so anders. Es wird gerne in Bildern gesprochen, es gibt schier unzählige „Chilenismos“, sprich Wörter und Ausdrücke, die man nur hier verwendet und das Ganze wird in einer rasenden Geschwindigkeit von sich gegeben, dass man aus seinem „fließend“ im Lebenslauf wieder ein „Anfänger“ machen möchte. Selbst die Chilenen empfehlen jedem, der Spanisch lernen möchte, dies nicht in Chile zu tun. Es dauert Monate bis der berühmte Klick im Kopf den Hebel umlegt und sich die Welt des chilenischen Spanisch vor einem ausbreitet und man endlich das Gefühl hat – die sprechen ja doch Spanisch hier!

Jedes Land in Südamerika hat seinen eigenen Akzent, seine eigenen Worte. Das weiter zu erläutern würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Hier geht es ja auch schließlich um Chile. Und woran man auf jeden Fall, egal wo, einen Chilenen erkennt wenn er spricht, ist neben seiner speziellen Aussprache der weón (sprich: ueuón). Es wird mit Sicherheit das Wort sein, das einem als erstes im Kopf hängen bleibt, denn so oft, wie man es hört, hat man manchmal das Gefühl, man hört überhaupt kein anderes mehr. Das Wort ist aus dem chilenischen Spanisch überhaupt nicht wegzudenken, man ist insgeheim sogar stolz darauf.

Wie kann man als Deutsche nun jemand Deutschsprachigem am besten erklären, was die Chilenen mit dem Wort meinen? Im Grunde bedeutet es Freund, Feind, der Idiot, der Kumpel; der Typ da hinten, dessen Namen ich nicht kenne, der andere Typ von dem mir neulich jemand erzählt hat; der Sohn, der sich mit dem Vater unterhält, der Vater, der sich mit dem Sohn unterhält; jemanden den man gerne mag, jemanden, den man überhaupt nicht mag… richtig, eine konkrete Definition gibt es nicht. Man kann meist nur im Kontext verstehen, ob das Wort nun nett oder eher nicht nett gemeint ist. Und manchmal hat man das Gefühl, es wird einfach nur so in den Satz geschmissen, Hauptsache man hat es erwähnt.

In anderen südamerikanischen Ländern wie Costa Rica, Kolumbien oder Venezuela wird das Wort ebenfalls verwendet, hier aber eher einseitig in abwertender Form. Dies kann man nachvollziehen, wenn man den Ursprung des Wortes betrachtet: huevo = Ei. Man wird sich jetzt denken können, von welchen Eiern wir hier sprechen… Da man in Südamerika gerne zu den USA blickt, passiert mit vielen spanischen Worten genau das Gleiche, wie mit unseren Deutschen – sie werden dem Englischen angepasst. Daher wurde aus dem einst geschriebenen huevón der neumodische weón – sieht einfach hipper aus.
Chile ist wahrscheinlich das einzige Land, in dem das Wort so vielseitig verwendet wird, sowohl im Positiven als auch Negativen. Und der Chilene ist wahrscheinlich der Einzige, der es fertig bringt, aus dem Wort ein Verb, ein Objekt und ein Subjekt zu bilden, so dass er tatsächlich einen ganzen Satz mit ein und demselben Wortstamm formen kann. Weón, deja de wevear por la wevada weón.”

Warum erzähle ich das alles? Auf der Suche nach einem Namen für diesen Blog, wollte ich gerne etwas Bezeichnendes, etwas typisches, etwas was Chile beschreibt. Und somit kam mir kein passenderer Name in den Sinn als Weonlandia. Ich befinde mich hier quasi in einem Land, umgeben von weonesMenschen, die so vielseitig und eigen sind, wie ihre Sprache. Willkommen in Weonlandia!