Valparaíso, geliebte Perle am Pazifik

„Valparaíso – wie aufgewühlt du bist, verrückt, verrückter Hafen, Kopf mit Hügeln, zerzaust, nie hörst du auf dich zu kämmen, nie hattest du Zeit, dich anzuziehen, stets hat dich das Leben überrascht, hat dich der Tod geweckt…“
(frei übersetzt aus der Oda a Valparaíso von Pablo Neruda)

Valparaíso kann man kaum beschreiben, man muss sie erleben. Eine Stadt gebettet auf Hügeln in einer Bucht am Pazifik. Die junge Wilde, die nicht alt zu werden scheint, die an jeder Ecke pulsiert. Die einen lieben sie, mit ihrem Chaos, ihren bunten Häusern, ihren steilen Hängen, ihrem ganz eigenen Charme. Die anderen können sie nicht ausstehen mit ihrem Dreck, ihren heruntergekommenen Häusern, ihrer Unordnung.
Schon die Einwohner Chiles vor Ankunft der Spanier schienen die besondere Lage zu lieben, denn anders als die meisten Städte in Chile hat Valparaíso kein Gründungsdatum, das auf die Spanier zurückzuführen ist, sondern sie existierte bereits vor deren „Entdeckung“. Den Namen hat sie allerdings den Spaniern zu verdanken – „Valle del Paraíso – Tal des Paradieses“. Die Chilenen, die gerne alle möglichen Endungen schlucken, sprechen meistens nur noch von Valpo.

Valparaíso hat viele Seiten. Als Tourist lernt man meist vor allem die Touristische kennen, die sich auf den Cerro Alegre („fröhlicher Hügel“) und den Cerro Concepción (Hügel Concepción) begrenzt. Hübsche Cafés und Restaurants laden zum verweilen ein, Künstlerateliers und Boutiquen zieren das Straßenbild. Hier merkt man, das Geld investiert wurde. Die Straßen sind sauber, die Häuser aufwendig restauriert, strahlen sie in prächtigen Farben. Verlässt man diese Hügel jedoch und begibt sich ein bißchen weiter ins „echte“ Valparaíso, so findet man ein wahres Chaos verschiedenster Häuser vor. Die Stadt ist wie ein Freilichtmuseum. An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken, man könnte dauerhaft mit der Linse seiner Kamera draufhalten. Wie die Konstruktionen den Erdbeben standhalten, scheint wie ein kleines Wunder. Wie sie den Tsunamis standhalten, liegt in ihrem Glück auf Hügeln gebettet zu sein, die die Wellen nur selten erreichen. Übereinander, nebeneinander – man muss manchmal ganz genau hinsehen, um das wirre Durcheinander in einem klaren Bild zu fassen zu bekommen. Von jedem Hügel hat man einen anderen Blick auf die Bucht, den Hafen, der einst wichtigster Handelshafen Chiles war.

Hafen Valparaíso (© Lena Labryga / Weonlandia)
Verweilen wir einen Moment in diesem. Kleine Kutter legen hier an, geführt von weißhaarigen Seebären, deren gebräunte Haut ledern wirkt und deren Falten Geschichten vom Leben am Meer erzählen. Sie fahren die Touristen um die großen Schiffe herum, bis hin zu einer Boje, auf der sich die Seelöwen sonnen. Es riecht nach Fisch und Schiffsdiesel, Möven kreischen. Wie in jedem Hafen sollte man auch hier seine Habseligkeiten im Auge behalten, es tummeln sich zu viele Gestalten an diesem Ort. Die Bucht ist eigentlich nicht wirklich für einen Hafen gemacht, viel zu offen und ungeschützt liegt er zum offenen Meer hin. Nicht umsonst hat man sie stark bearbeitet und eine 700 Meter lange Mauer entlang der Bucht geschaffen, mit einer Tiefe eines 20 stöckigen Hochhauses, um hier einen Hafen anlegen zu können. Heute halten die großen Schiffe hier nur noch für kurze Zeit, die meisten Seeleute gehen erst gar nicht von Bord. Es wird be- und entladen, bevor nach nur wenigen Stunden wieder abgelegt wird. Der Haupthafen wurde nach San Antonio verlegt, geschützter und sicherer vor Stürmen.
Verlassen wir den Hafen und begeben uns Richtung Hügel, treffen wir auf einen der vielen Straßenhunde, die uns mit ihrem treuen Blick beobachten, sich uns manchmal auf unserem Weg durch die Stadt anschließen, sie haben ja schließlich Zeit. Würden sie unsere Sprache sprechen, hätten sie sicherlich viel zu erzählen. Von den Szenen, die sich in den Gassen abspielen, den geheimen Liebschaften, die man hinter jedem kleinen Winkel zu vermuten scheint, den Erdbeben, die die Wände zittern lassen. Sie stromern durch die Straßen, die Hügel hinauf und hinunter. Wer hier lebt braucht starke Muskeln in den Beinen, denn die meiste Zeit geht es bergauf, steil hinauf. Man sagt, die Frauen von Valparaíso hätten die schönsten Beine und den knackigsten Po von ganz Chile. Spätestens, wenn man ein paar Stunden durch die Stadt gelaufen ist, wird man verstehen warum.

An vielen Punkten der Stadt kann man seine Muskeln für einen Moment ruhen lassen und mit einem der berühmten Aufzüge ein Stück des steilen Weges abkürzen. Für 300 Pesos, umgerechnet 39 Cent, kann man das Kulturerbe Valparaísos mit ein bißchen Nervenkitzel bei einer Fahrt nach oben erleben. Für die Leute der „dritten Generation“, sprich der etwas Älteren unter uns, sind diese sogar kostenfrei.

Blick vom Cerro Alegre (© Lena Labryga / Weonlandia)

Wenn einem nach Gesellschaft ist und man sein Glück beim Spiel versuchen will, so begibt man sich am besten etwas weiter unterhalb im Zentrum auf den Plaza O´Higgins. Hier sind kleine Tische mit roten Deckchen aufgestellt. Um sie herum sitzen hochkonzentrierte Herren, die sich beim Kartenspiel die Zeit vertreiben. Wem eher nach einer Partie Schach ist, der wird hier ebenfalls fündig, auch dafür gibt es Tische. Der Blick fällt nur lediglich auf Herren, ob man das Glück auch als Dame versuchen darf, sollte herausgefunden werden, unter den Chilenen scheint es aber eine Sache unter Männern zu sein.
Ein paar Straßenblöcke von hier entfernt, wechseln sich die Hunde durch die Katzen auf dem Zentralmarkt ab, die hier zwischen den einzelnen Ständen streunen, auf der Suche nach etwas Fressbarem. Besonders beliebt nicht nur bei ihnen sind die Leckereien, die aus dem Meer geholt werden. Im zweiten Stock des alten Gebäudes kommt der Meeresfrüchteliebhaber auf seine Kosten.

Mariscal Jardinero (© Lena Labryga / Weonlandia)

Hier geht es wesentlich uriger zu, als auf den gepflegten Hügeln der Touristenviertel. Sollte man hier nun Bedenken haben, dass unser Magen eventuell kollabieren könnte, kann man diese Sorge getrost vergessen. Selbst auf dem Markt wird die Hygiene soweit kontrolliert, dass man ohne Bedenken auch als Dazugezogener, Tourist oder wer auch immer, essen kann. So richtig in einer chilenischen Hafenstadt fühlt man sich dann, wenn plötzlich eine Gruppe Musiker im kleinen Lokal auftaucht und ein paar Lieder über die Stadt zum Besten gibt und so mancher Chilene an seinem Tisch mit stolzer Brust mitsingt. Mit ihnen wetteifert anschließend ein feiner Herr im Anzug, der mit einem Tango in a capella von Carlos Gardel die Sehnsucht in den Herzen weckt. Mit dieser Musik in den Ohren möchte man auf den nächsten Kutter steigen und das Salz des Meeres schmecken.

Bevor wir für heute die Stadt verlassen, sollten wir unbedingt noch einmal in einen Aufzug steigen, um auf den Cerro Barón zu fahren. Von hier oben hat man wahrscheinlich den beeindruckendsten und komplettesten Blick auf die gesamte Bucht mit ihren vielen Hügeln – auf das Paradies, das sich Valparaíso nennt.

Blick vom Cerro Barón (© Lena Labryga / Weonlandia)

„…Hier ende ich, es ist diese Ode, Valparaíso, so klein wie ein hilfloses Hemd, das zerlumpt in deinen Fenstern hängt, das sich im Winde des Ozeans wiegt, sich vollsaugt mit all deinem Schmerz, das den Tau des Meeres empfängt, den Kuss des weiten cholerischen Meeres, der mit all seiner Kraft gegen deine Felsen schlägt, dich nicht zerstören konnte, denn in deiner Brust des Südens ist der Kampf, die Hoffnung, die Solidarität und die Freude tätowiert, wie Anker, die den Wellen der Erde standhalten.“ (frei übersetzt aus der Oda a Valparaíso von Pablo Neruda)