Regen in der Hauptstadt – ein kurzer Versuch einen unbegreiflichen Ausnahmezustand zu beschreiben

Regen. Herrlich. Wenn er so gegen die Fensterscheiben klopft, auf das Dach prasselt, die Luft mit einem ganz besonderen Geruch erfüllt. Auf das Gemüt schlagend, wenn er das zu oft tut, aber auch auf das Gemüt schlagend, wenn er das gar nicht mehr tut. Seit Monaten hat er sich nicht mehr blicken lassen. Die Stadt lechzt nach Wasser. Die Luft ist geschwängert von Abgasen, dick und kalt hängt sie über der Stadt. Die Anden am Horizont sind an manchen Tagen schon gar nicht mehr zu sehen. Die Grünflächen in den Parks und in den Straßen werden künstlich bewässert, die Wasserspeicher gehen immer mehr zurück. Der Río Mapocho, der durch die Stadt fließt, ist nur noch ein dünnes Rinnsal. Gespeist wird er vom Schmelzwasser der Anden, doch diese sind immer noch ohne Schnee.

Entschuldigung, ich habe noch gar nicht gesagt, wo wir sind. Wir befinden uns in Santiago de Chile – Metropole eines der vielseitigsten Länder Südamerikas. Eine Stadt, die im Umbruch ist, an allen Ecken pulsiert. Über 6 Millionen Menschen leben hier, 40% der gesamten Bevölkerung Chiles. Von den Ärmsten bis hin zu den Reichsten des Landes. So vielseitig die Stadt, so auch ihre Bewohner. Doch eins haben sie seit Wochen, gar Monaten gemeinsam – das Warten auf den erhofften Regen.

Es ist Winter auf der Südhalbkugel, genaugenommen Mitte Juli. Die drei Wintermonate Juni, Juli, August gelten hier als die Regenmonate, eigentlich die einzigen im ganzen Jahr. Ausnahme ist der April, der so langsam das Ende des Sommers einläutet und die ersten Regenschauer über die Stadt ziehen lässt. Doch dieses Jahr hat er sich sehr zurückgehalten, der Sommer wollte wohl noch nicht so ganz gehen. Bis auf ein paar kleine Regenschauer brachte er kaum Wasser. Und jetzt im Juli scheint die Sonne immer noch ununterbrochen vom knallblauen Himmel. Der Juni blieb trocken, die ersten Wochen des Julis ebenfalls. Eine Dürreperiode von monatelangem Ausmaß lässt die Region im Trockenen. Mindestens einmal am Tag hört man einen Santiaguino stöhnen, es solle doch endlich regnen, damit die Luft wieder reingewaschen wird.

Und dann scheint es so, als würde er endlich erhört werden. Mitte Juli kündigen die Meteorologen Regen an. Endlich, das lang ersehnte Nass! Die hiesigen Medien lassen es sich nicht nehmen, ihre Nachrichten mit dieser Meldung weitschweifig zu füllen. Titelseiten der Tageszeitungen zeigen Satellitenbilder der Wolken, die auf die Küste zukommen, Prognosen über Prognosen zum erhofften Nass. In großen Lettern wird die gigantische Wolkenwand angekündigt, die 70mm Regen bringen soll. Welch ein Segen!

Haben wir richtig gelesen – 70 mm? Die Vorfreude schwenkt in leichte Panik um. Wie soll man bitte mit dieser Masse an Wasser umgehen, an einem Ort, an dem es im Jahr insgesamt nur 350 mm regne?! Wir sollten uns dringend vorbereiten.
Am Morgen des besagten Tages hält der Umweltbeauftragte mit ernster Miene eine Rede im Fernsehen. Tipps, zum Umgang mit dem Regen: „Es empfiehlt sich, lediglich Schuhe mit dicken Sohlen zu tragen. Sollten Sie heute keine dringenden Besorgungen erledigen müssen, bleiben Sie lieber zu Hause.“ Es wird gesagt, dass sich die Straßen wortwörtlich „in reißende Flüsse verwandeln“, wenn es regnet.

Dann fallen die ersten Tropfen. Wie Pilze schießen plötzlich die Regenschirmverkäufer an allen Ecken aus dem Boden, hohen Umsatz witternd. Gestern noch Sonnenbrillen, passen die Straßenverkäufer blitzschnell ihr Sortiment an. Es folgt Chaos am Nachmittag auf den Straßen. Fast schon hysterisch sammeln sich die Autofahrer in langen Staus, in dem Versuch, so schnell wie möglich das sichere Heim zu erreichen. Manche Angestellten, die in den Randbezirken der Stadt wohnen, dürfen bereits eine Stunde früher das Büro verlassen. Mütter werden gebeten, ihre Kinder früher aus der Kita abzuholen, damit die Betreuerinnen rechtzeitig ihr Zuhause erreichen. Schulen schließen ihre Pforten früher, die Eltern werden gebeten, die Kinder abzuholen. Der Grund? Regen.

Wer nun die gänzliche Naivität an den Tag legt und unvorbereitet am Morgen ohne Regenschirm ins Büro kam, obwohl der Regen angekündigt war, sollte nicht erwähnen, dass er keinen besitzt. Er könnte schnell einen kopfschüttelnden Blick voller Unverständnis und Ratlosigkeit ernten, ein völlig entsetztes: „Aber mein Gott, wie kommst du denn nun nach Hause? Warum hast du denn aber auch keinen Schirm? Was machen wir denn da jetzt?“ Man bekommt fast schon ein schlechtes Gewissen, dass man nun zur Sorge seiner Kollegen wird. Nur warum eigentlich, versteht man auch nicht wirklich. Sprechen wir hier von demselben Wetterphänomen, bei dem es sich lediglich um Wasser handelt, das vom Himmel fällt? Wir befinden uns in einem Land, in dem Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis zum Leben eines jeden hier Geborenen dazugehören und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch zum Leben eines jeden Dazugezogenen, der sich hier länger aufhält. Aber wir sprechen hier ja nicht von einem Erdbeben bitteschön, wir sprechen hier schließlich von Regen!

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Öffnen wir also die Tür und gehen auf die Straße. Der Regen prasselt vom Himmel, wir ziehen den Kopf ein und den Schal etwas höher und machen uns auf den Weg nach Hause. Ein Auto fährt an uns vorbei und zack – wir schaffen es gerade noch einen Satz zur Seite zu machen, bevor uns eine schier meterhohe Welle erreicht hätte. Die dünnen Schuhe sind nach nur wenigen Schritten durchgeweicht, die Hosenbeine auch bald, denn der Regen kommt nicht nur von oben, nein, er spritzt auch von unten hoch. So langsam verdeutlicht sich das Problem – Santiago hat kein Abwassersystem, man muss schon suchen, um einen Gully zu finden. Damit nicht alles überflutet, hat man die Straßen im Zentrum so angelegt, dass sie eine leichte Beugung haben, sprich das Wasser von der Mitte zu den Seiten hin runterlaufen kann. Pech für den Fußgänger, der regelmäßig eine Welle Wasser von den durchfahrenden Autos erhält. Umso mehr für denjenigen, der keinen Regenschirm besitzt (kann ja aber auch nur ein Dazugezogener sein, völlig verrückt!) und somit auch noch von oben nass wird. Wie Katzen flüchten die Einwohner vor dem Nass in ihre Häuser, bald sieht man keinen mehr zu Fuß durch die Straßen gehen.
Erreicht man dann schließlich völlig durchgefroren und durchnässt sein Zuhause, kann man sich freuen, wenn es nicht durch´s Dach regnet. Kalt ist es so oder so, denn die Häuser sind ohne Heizung ausgestattet. Man setzt sich also in dicken Jacken und in Decken eingewickelt, an eine Tasse heißen Tees geklammert, am besten in sein Bett und wartet bis der kleine elektrische Heizkörper es geschafft hat, die Temperatur zumindest so hoch zu kriegen, dass man seinen eigenen Atem nicht mehr sieht. Mit dem Regen kommt nun auch die wahre Kälte in die Stadt. So verharrt man am besten den Rest des Tages. Nach draußen wagt sich heute keiner mehr, man könnte schließlich nass werden.

Es ist der nächste Morgen. Der Himmel hat sich aufgeklart, die Sonne erhebt sich langsam milde über der Stadt. Der Regen ist das Thema in aller Munde. Statt der 70 mm sind lediglich 30 mm gefallen. „Viel zu wenig.“ stöhnen die Santiaguinos, die gestern noch panisch durch die Straßen gezogen sind. Dennoch zeigt sich Erleichterung in den Gesichtern – es gibt ihn also noch, den Regen.
Etwas hat sich verändert. Nicht nur in den Menschen, die ganze Stadt erscheint plötzlich in einem anderen Bild. So klar und reingewaschen. Die Anden erheben sich auf einmal deutlich und majestätisch am Rande der Stadt. Ihre Spitzen sind weiß bepudert, ein neuer Glanz lässt sie noch imposanter wirken. Und dann die Häuser, die Straßen, es ist plötzlich alles viel deutlicher zu sehen, bis weit zum Horizont. Es ist tatsächlich so, als würde man Santiago in HD sehen. Und man hat seit langem mal wieder Lust, tief durchzuatmen. Denn die Luft schmeckt.

Das schönste Bild schenkt die Stadt seinen Bewohnern, wenn am Abend die Sonne untergeht. Die tiefliegenden Sonnenstrahlen treffen auf die schneeweißen Kuppen der Anden und lassen diese in den schönsten Rottönen aufleuchten. Es fällt einem schwer, nicht einfach auf der Straße stehen zu bleiben, um den Anblick in sich aufzusaugen.

Das ist also der Regen in Santiago. Für die einen der Segen, für die anderen eine nasse Katastrophe. Wahrscheinlich kommt er einfach zu selten, damit man sich an ihn gewöhnen könnte. Nicht so wie die Erdbeben, bei denen die Erde schon wirklich schaukeln muss, damit überhaupt mal einer reagiert.